Wir tragen keine Fellkostüme und köpfen keine Hühner (Interview mit KETTCAR)

Artikel erschien schon im FRIZZ LEIPZIG & DRESDEN Febr.2012

Kettcar kommen nach Leipzig und sie haben ein neues Album im Gepäck. Abwechslungsreich und intelligent. Musik von großen Freunden von der Waterkant. Shevek Walden traf Kettcar-Gitarrist Erik Langer zum Plausch. Hier das Ergebnis:

Danke erst einmal für ZWISCHEN DEN RUNDEN. Ich war berührt beim Anhören. Wie ist denn die Verfassung innerhalb der Band, jetzt, zwischen den Hypes – da, wo Geschichtenerzählen geschieht und nicht nur Geschichteschreiben?

Hallo Shevek, es freut mich, dass Dir die Platte gefällt. Die Verfassung der Band ist gut. Nach einer schwierigen Phase rund um den Ausstieg unseres alten Schlagzeugers Frank hat sich alles wieder eingerenkt. Wir sind glücklich mit den neuen Songs und freuen uns darauf, sie live zu spielen. Wo Du auf das Geschichtenerzählen anspielst – es war von Anfang an unser Plan und Wunsch, diese Platte mit Geschichten zu füllen. Mehr als bei unseren anderen Platten steht bei ‚Zwischen den Runden‘ die narrative Form im Vordergrund.

Stilistisch schöpft Ihr mittlerweile glücklicherweise aus einem größeren Fundus. Nicht mehr nur Krach und Rambazamba. Was sagen denn die Poppuristen dazu? Wie gehen sie um mit der Veränderung des Status Quo, mit der Beweglichkeit in Eurem Schaffen?

Ich hatte bisher bei jeder unserer Platten das Gefühl, das sie für uns als Band Sinn gemacht haben. Nach dem eher rauen und düsteren Grundton der letzten Platte, war für uns die Zeit gekommen, den Blick musikalisch und textlich in andere Richtungen zu lenken. Es ging bei uns nie darum, den einen Kettcar-Sound zu kreieren und den dann mit minimalen Variationen immer wieder zu verwerten. Wir möchten, dass unsere Musik für uns spannend bleibt, dazu braucht es Veränderungen und im Ergebnis sieht es dann so aus, dass auf ‚Zwischen den Runden‘ die ruhigen, mit Akustikgitarre gespielten Stücke dominieren und Streicher, Bläser, Piano, etc. in einer Fülle vorhanden sind, wie wir sie bisher nicht hatten. Irgendjemand wird immer meckern, aber das ist völlig in Ordnung und auch gut so. Wenn uns niemand kritisiert, haben wir etwas falsch gemacht.

Schrilles, buntes Hamburg hat das Zeug zur Anti-Gentrifizierungs-Hymne. Solche Zeilen, wie : „ … der Malerfürst lässt leise wissen:/ ab jetzt kommen die Touristen“ klingen ganz schön nach Befindlichkeiten eben auch hier in Leipzig. Was ist aber die Alternative zur Totalverwertung?

Oft vermittelt die Politik das Gefühl, dass sie sich eine Kulturlandschaft wünscht, die sich nur nach ökonomischen Prinzipien richtet. Allerdings ist oft gerade die Kunst, mit der sich kein Geld machen lässt die Interessantere, Neue, Wegweisende. Diese sollte stärker gefördert werden, statt Unsummen in Kultursymbole zu stecken. In Hamburg sind das auf der einen Seite u.a. eine ganz schwierige Proberaum- und Ateliersituation, Clubsterben, Etatkürzungen bei von progressiven Intendanten geführten Theatern und auf der anderen Seite – die Elbphilharmonie.

Am 02.03. kommt Ihr ins Haus Auensee in Leipzig. Vielleicht treibt es ja sogar Neuhörer zu Euch an den Strand. Wie würdet Ihr denen, die noch nicht so im Kettcar sitzen, schmackhaft machen, warum Eure Musik die Hörenswerte ist?

Im Haus Auensee werden wir keine Pyro-Show auffahren, keine Hühner köpfen, keine Fellkostüme tragen. es wird keine Lasershow, keine Wall of Death und keine Orchesterbegleitung geben. Wir freuen uns aber sehr über jeden der trotzdem kommt, obwohl wir nur unsere Lieder spielen und dazwischen vielleicht ein paar Geschichten erzählen.

Wenn ich mir Meinung erlauben darf, fallt Ihr mit dem neuen Album endlich auch aus der Szene heraus. ZWISCHEN DEN RUNDEN ist einfach gute Rockmusik ohne Hornissensonnenbrille und Playmobilfrisur, Liedgut von Brüdern. Wie weit geht aber die musikalische Toleranz? Kettcar in 10 Jahren nur noch elektronisch oder zusammen mit Aranea Peel und den Grausamen Töchtern (sind ja auch aus Hamburg)?

Danke für die Inspirationen mit der Sonnenbrille und Frisur! Ich werde, den Anderen, einen Termin beim Styleberater vorschlagen. Im Ernst, die „Grausamen Töchter“ kannte ich gar nicht…
Auf den ersten Blick passt das wohl nicht ganz, aber wer weiß. 10 Jahre sind eine lange Zeit und da wir nicht vorhaben, uns im Kreis zu drehen, werden wir wohl irgendwo anders landen. Am besten wir sprechen uns nochmal, wenn es soweit ist.

Danke fürs Gespräch und viel Leben Euch unterwegs.

Kettcar, Haus Auensee; 02.03.2012

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