Vielleicht freuen wir uns eines Tages, wenn wir im Citytunnel Deckung finden. (Interview Tom Reichel)

dieses Interview wurde in der Leipziger Internetzeitung erstveröffentlicht:

Sternstunden des Journalismus – wenn zwei sich treffen, sich mögen und miteinander interessante Tatsachen geschmackvoll darreichen können. Tom Reichel, seines neuesten Zeichens nach Schriftsteller mit einem gar schnuckeligen, kuscheligen Weihnachtsbuch „Josh – Eine Weihnachtsgeschichte“ zu tausenden Absatzzahlen auf dem Markt, traf im Café Albert bei Bockwurst und Kaffee den Volly Tanner – und dieser fragte natürlich nach:

Wahnsinn, bester Tom, Dich endlich mal wieder zu treffen. Und irgendwie spaßig, dabei Dein Buch zugereicht zu bekommen. Eine Weihnachtsgeschichte im schicken „RotGold“. Und sogar in einem richtigen Verlag, nicht in irgendeinem Rumpelladen. Glückwunsch. Wie hat es Dich unter die Schriftsteller getrieben?

Schriftsteller, hm.
Volly, ich bin ja auch noch ganz seekrank von den Freudeswellen – Dich hier leibhaftig vor mir zu haben. Und spaßig trifft es gut, ich kann mich noch gut an unsere erste Begegnung in der mb erinnern – Du hast mir ein lyrikpralles Heftchen in die Hand gedrückt und ich hab die Zeilen bestaunt. Und jetzt kann ich Dir was zurückgeben – hier, das Kuschelbuch. Ich hab vorhin schon überlegt, dass Du und das Buch ein ziemlich ungleiches Paar sein werdet, da Volly The Black Tanner und hier die goldgeprägte Weihnachtsgeschichte. Wenn ihr zwei Freunde werdet, dann wär das auch ein bisschen wie Weihnachten. Oder wie Weihnachten und Ostern zusammen. Ja, wenn das geht, dann darfst Du auch Schriftsteller zu mir sagen. Oder wie steht’s bei dir: Mittlerweile mache ich Kompromisse/ ich glaube/ ich werde alt. Da staunst Du, was? Tja, ich bin vorbereitet…

Du arbeitest auch mit solchen Kleinkunstkoryphäen wie Johannes Kirchberg und Micha Kreft zusammen, gehörst zu den Vätern des legendären Kabaretts Gohglmohsch Ende der Achtziger. Alles in allem schimpfst Du Dich „Freier Autor“. Ist der Kühlschrank voll oder ernährst Du Dich hauptsächlich vom
Catering vor und nach der Show?

Im Moment ernähre ich mich von Kirschsaft und Kaffee, wie Du siehst, Kaffee mit Milch drin, kein Zucker – und ich hoffe, dass Du die Rechnung trägst, Du hast mich schließlich hierher gelockt. Ist ja ein süßer kleiner Ort. Wie ist deine Bockwurst? Nee, ich will keine…- keine Angst, ich krieg mich schon selber satt.
Für’s Kühlschrankfüllen zu Hause hat es bis jetzt immer gereicht, außerdem ist man ja nicht allein auf der Welt. Naja, manche vielleicht, das stimmt, ich aber nicht. Und das AufundAb der Freien kennst Du ja selber. Heute ist der Kühlschrank leer und morgen ist man trotzdem voll. Könnte von Dir sein, oder?

Wohin geht die Reise? Weiter im Bücherproduzieren? Treibts Dich vielleicht auch sololesend auf die Bretter? Steht schon etwas vor der Tür und klopft?

Da der Verlag (adeo) gerade angefragt hat, ob ich vielleicht gern noch eine kleine Erzählung für ihn schreiben will, denke ich, dass ich auf dem Weg zumindest noch ein Stück weitergehe. Klar mache ich das gern. War das die Frage?
Achja, was klopft. Also am 4. Dezember – das ist ja so ein wahnsinnsverkaufsoffener Sonntag in Leipzig – werde ich Nachmittags im Hugendubel mein Buch vorstellen. Und freu mich, dass die von mir hochverehrte – nee, mein ich erst – Schauspieler Barbara Trommer zugesagt hat, mit mir dort zu lesen.
Und dann, wenn wir Weihnachten alle überstanden haben – das ist übrigens das Thema des Buches: dieses Seelenrüttelfest – aber erwarte keine Kabarett, das ist alles ganz aufrichtig – ist das das richtige Wort, naja, du nickst, du verstehst es – also nach Weihnachten bzw. im Januar, am 20. um genau zu sein, steht die nächste Produktion mit Johannes Kirchberg an, für den ich ja schreibe. ICH DAGEGEN BIN DAFÜR. heißt das Stück. Und für die Schublade, in die es gehört: Wir sagen UNPOLITISCH KORREKTES KLAVIER KABARETT dazu.

Wenn man etwas recherchiert landet man auf einer – schlecht bedienten oder schlecht gepflegten – Homepage, darauf ein Dir zugeschriebener Slogan prangt: Solang es schwer geht, geht es bergauf! Keine Lust auf Internetselbstdarstellung? Das Netz vereinfacht doch Einiges – oder bist Du da anderer Meinung?

Doch, der Spruch ist von mir – den mag ich sogar noch. Aber wie der ins Internet gekommen ist? Du siehst, ich bin da eher unvorbereitet, ich weiß, dass man da was tun muss, ich bin ja selber ein Suchmaschinist geworden, wenn ich irgendwas wissen will, und was es im Netz nicht gibt, gibt es nicht mehr. Vielleicht scheue ich mich ein bisschen, weil man ja ein bisschen die Kontrolle verliert… Wie guckst’n Du? Ja, ja – man hat sowieso keine Kontrolle, du hast recht – also Indianerehrenwort: Ich werde mich kümmern. Müssen. Hast du das müssen notiert? Gut.

Seit mehr als 20 Jahren bist Du Aktivling im Leipziger – aber auch im überregionalen – Bretterlgeschehen. Wie ist Dein Blick aufs Hiesige? Ist Leipzig Provinz, zu klein geratene Weltstadt, Größenwahncity oder zum Verbuddeln in einem Citytunnel komisch?

Das Tolle an der Stadt ist, dass sie alles zu gleich sein kann. Provinz und Weltstadt. Ne halbe Million Leute – aber jeder kennt jeden. Und die Szene ist ein Dorf. Mit Anger und Pranger. Trotzdem groß genug, um sich aus dem Weg gehen zu können. Guck mal, wie lange wir uns nicht gegenüber gesessen haben. Trotzdem wiedererkannt. Das waren wenigstens drei Tage. Lach nicht. Davor glaube ich ein halbes Jahr. Nee, Leipzig ist toll. Ich bin richtig gern hier. Ist halt ne Stadt zum Leben. Und zum Kinderwagenschieben auf jeden Fall besser als Berlin. OK – das Meer könnte näher sein, Italien auch.
Aber ich bin ja ein „Zugezochner“ – ich hab’s mir selber ausgesucht. Wie einen Lebenspartner. Und wenn Deine Frau sagt, sie braucht einen Citytunnel, drückst Du doch auch ein Auge zu. So sind wir halt, wenn wir jemanden mal gern haben können. Und falls es wieder mal andersrum kommt, oder kriegerischer – vielleicht freuen wir uns, wenn wir im Tunnel Deckung finden und sind den Stadtmüttern dankbar.

Es gibt einen Uffta-Uffta-Tom-Reichel, dazu einen Brandenburger Politiker namens Thomas Reichel, der unrühmlich Vergangenheit mit sich schleppt, all das wahrscheinlich Menschen, die Du nicht gerade abends an der Tränke triffst. Wie würdest Du einem unwissenden Gomeraner erläutern, wer Du bist?

Was ist’n ein Gomeraner?
Aber, wenn er unwissend ist, dann ist es vielleicht gut so. Meinem Verlag musste ich auch erst einmal versichern, dass ich NICHT der Schlagersänger bin – in dem Moment war das ne gute Antwort. Zumindest eine zufriedenstellende. Vor dem Typen hat mich ja schon meine Mutter Ende der Neunziger gewarnt: Junge, da treibt sich einer unter deinem Namen im Netz rum, dagegen musst du was tun. Der heißt ja nicht mal wirklich so. Ist ein Künstlername – was für ein Künstlername.
Was? Ja, ich soll über mich reden: Was kann ich am besten – vielleicht Songs schreiben, ja – auf deutsch. Aber bin ich das?
Vielleicht komme ich da besser auf Dein „Schriftsteller“ vom Anfang zurück. Autor trifft es auch, Journalist ein bisschen. Musiker? Würde ich mich nicht nennen, auch wenn ich ständig Musik mache. Früher bei gohglmohsch hab ich auch auf Bühnen gestanden, aber sag nicht Schauspieler. Die anderen sagten Kabarettist. Vater bin ich und Kind.
Manchmal bin ich froh – manchmal bin ich es nicht.
Volly, ich versprech Dir, bis zum nächsten Gespräch versuch ich rauszukriegen, wer ich bin.

Bester Tom, neben all der Lustigkeit bist Du auch (wie gerade beschrieben) Familienmensch. Geht’s gut? Wie organisierst Du Dich in diesem Metier? Funktioniert das mit der Freiberuflichkeit?

Bester Volly, das ist eine gute Frage – und weil Du sie stellst, heißt das, dass die Antwort schwer ist. Sonst wäre es ja keine Volly Frage. He, es geht irgendwie – ich packe einen Haufen Zeit in mein Familienmenschsein. Es war sicher leichter, als Freier auch frei von Kindern zu sein. Da stehst Du mehr für dich selbst. Aber besser war es bestimmt nicht. Sag ich ja – solange es schwer geht, geht’s bergauf. Aber wenn mein Kind käme und sagen würde, Papa, ich will das auch so machen wie Du, dann… Na, zumindest würde ich die schwere Empfehlung aussprechen, darüber noch mal nachzudenken.

Ich persönlich wünsche mir ja viele Bücher von Dir. Was wünschst Du Dir vom nächsten Jahr?

Weltfrieden. Lach nicht.
Ja, das sagen die doch bei den Misswahlen auch immer: Weltfrieden. Aber nur weil es ein paar schöne, gut gewachsene Mädels sagen, ist es ja nicht falsch. Es gibt ne Menge Gründe, warum es krachen könnte.
Ansonsten Gelassenheit. Ich hab da vor kurzem ein Interview mit einer alten Dame gehört und die wurde gefragt, was sie anders machen würde, wenn das Leben noch mal von vorn anfängt. Und die hat gesagt: Weniger Angst haben. Nicht, weil es keinen Grund gäbe, Angst zu haben, sondern weil sie zurückschauend sagen kann, dass sie sich immer vor den falschen Dingen gefürchtet hat. Und die Katastrophen, die über sie wirklich hereinbrachen – da war sie völlig unvorbereitet.
Also Angst nützt gar nichts.
Naja – und wenn wir hier in einem Jahr über mein neues Buch reden könnten, auch nicht schlecht. Ach so, wir beide könnten doch auch mal was – vielleicht stellen wir uns mal zusammen auf ne Bühne, und machen alles, was wir nicht können? Aber mit Herz. Was sagst du?

Da sage ich erst einmal: Danke für das Gespräch – und zu Deiner letzten Frage, bester Tom: ein gelassenes, heiteres Nicken.

<http://www.adeo-verlag.de/index.php?vp_id=googl-search&id=404&sku=814251&gt;

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Eine Antwort zu Vielleicht freuen wir uns eines Tages, wenn wir im Citytunnel Deckung finden. (Interview Tom Reichel)

  1. Hennes schreibt:

    Lehrreicher Beitrag. Bereichernd, wenn man das Thema auch mal aus einer anderen Perspektive ansehen kann.

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