Keiner hat Lust darauf, sich verarschen zu lassen! (Interview Sebastian Krumbiegel zum Benefiz für die Kinderhilfe Afghanistan)

dieses Gespräch wurde schon im BLITZ! LEIPZIG veröffentlicht & von Volly Tanner mit SK geführt:

BLITZ!: Hallo Sebastian, schön Dich zu treffen. Ist ja nicht so einfach – Du als Vielreisender in Sachen Kultur und Mitmenschlichkeit. Gerade noch bei Anne Will, dann bei der Goldenen Henne und Anfang November auf der ANKERbühne bei Benefiz für die Kinderhilfe Afghanistan. Hast Du Hoffnung? Das sich was ändert?
Sebastian Krumbiegel: Die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zuletzt – also ich habe, ohne mich dabei überschätzen zu wollen, durchaus Hoffnung, dass sich was ändert. Niemand sollte sich da überschätzen, aber genau so wenig sollte man sich diesbezüglich unterschätzen. Jeder kann was tun, auch im Kleinen, und wenn das viele machen, dann wird es automatisch groß. Ein Beispiel: Seit Ende September darf Leipzig den Titel „Fair-Trade-Stadt“ tragen. Das ist deswegen möglich, weil irgendwann mal ein paar Idealisten angefangen haben, sich darum zu kümmern, fair gehandelten Kaffee, Schokolade oder auch Klamotten zu vertreiben, das heißt, Handel mit Sachen zu treiben, die nicht durch Kinderarbeit oder andere Ausbeutung entstanden sind. Die Idee ist so gut, dass immer mehr Menschen davon inspiriert worden sind, mit zu machen, und mittlerweile sind es in Leipzig über 135 Läden, die dabei sind. Theoretisch können wir es schaffen, durch unser Konsumverhalten den Markt so zu regulieren, dass Ausbeutung und Unterdrückung Geschichte sind. Das klingt vielleicht wirklich idealistisch, ist aber logisch – wenn alle in Zukunft nur noch Produkte mit dem „Fair Trade“-Siegel kaufen, dann wird es sich durchsetzen. Da kann sich jeder Einzelne hinterfragen und ein kleines bisschen die Welt retten.

BLITZ!: Was sagst Du Leuten, die „Gutmenschen“ als Schimpfwort nutzen, die zynisch und sarkastisch über Menschen herziehen, die sich engagieren?
S.K.: Da hab ich mir mittlerweile ein dickes Fell zugelegt. Ich weiß, dass diese Leute falsch liegen, deswegen ist es mir wirklich egal, wenn mich da jemand anmacht. Schade, dass das Wort „Gutmensch“ so negativ besetzt ist – es ist doch ganz einfach: Jeder von uns möchte gern fair oder eben „gut“ behandelt werden und keiner hat Lust drauf, sich verarschen zu lassen. Ich würde mich persönlich vielleicht nicht als „Gutmenschen“ bezeichnen, aber auf jeden Fall als jemanden, der ein soziales Gewissen hat, der von seinen Eltern eine gute Portion Gerechtigkeitssinn mitbekommen hat. Selbst wenn das jetzt moralisierend klingt – es ist richtig, deswegen versuche ich, so zu leben.

BLITZ!: Steckt hinter alldem bei Dir ein philosophischer Hintergrund? Gar Religion? Was treibt Dich zum Handeln?
S.K.: Wie gesagt – ich denke, das hat ne Menge mit Erziehung zu tun. Meine Mutter hat mich immer ermuntert, klar Stellung zu beziehen und Ungerechtigkeiten auch als solche beim Namen zu nennen. Und ja – ich bin auch christlich erzogen, habe mich allerdings in den letzten Jahren mehr und mehr davon entfernt, bin aus der Kirche ausgetreten und kann allgemein mit Religion nicht mehr viel anfangen. Aber ich versuche diesbezüglich tolerant zu sein – Religion sollte Privatsache sein, ich will nicht missioniert werden und niemanden missionieren. Ich habe meine Werte, vielleicht auch meinen Idealismus und andere Menschen haben eben ihre. Das ist ein sehr weites Feld – wie gesagt, Toleranz und Respekt anderen Einstellungen oder eben Religionen gegenüber halte ich erstmal für einen guten Weg. Was mich persönlich zum Handeln treibt – um auf die Frage zurück zu kommen – vielleicht ist es sogar auch eine gehörige Portion Egoismus. Es macht wirklich Spaß, wenn du merkst, dass du Dinge bewegen kannst, wenn du merkst, dass du, auch wenn es „nur“ an deiner kleinen, persönlichen Front ist, erfolgreich Leuten helfen kannst.

BLITZ!: Du durftest den Dalai Lama treffen – ein weiser, aber auch umstrittener Mann. Was war Dein Gefühl dabei? Dankbarkeit, Demut, Entzücken?
S.K.: Es war schon ein bewegender Moment, als er mit seiner Stirn meine berührte, hat es schon irgendwie „Gong“ gemacht. Ich weiß natürlich, dass da sehr viel subjektive Wahrnehmung im Spiel war, aber der Mann ist schon eine eine faszinierende Erscheinung. Mein Cousin ist, als einer der wenigen Europäer seit mittlerweile 15 Jahren Mönch im Shao Lin Kloster in China. Er hat mir viel von dieser Kultur erzählt, und mich neugierig gemacht. Diese ganze „Free Tibet“-Problematik ist ein großes Thema, und wie die chinesische Regierung damit umgeht, ist für mich befremdlich und eben nicht respektvoll oder tolerant. Oft ist es schwierig, sich klar für eine Seite zu entscheiden und sich damit als öffentliche Person damit vor einen Karren spannen zu lassen, und ich weiß auch, dass selbst beim Dalai Lama nicht alles Gold ist, was glänzt, aber friedliches, gewaltloses Handeln – und das ist eine der Kernbotschaften des Dalai Lama – kann erstmal nichts falsches sein.

BLITZ: Der grenzenüberwindenden One-World-Philosophie wird – nicht nur aus rechter, auch aus mittelgesellschaftlicher Schicht – äußerst oft Gebirge in den Weg gestellt. Ich verstehe die Ängste – aber wo ist die Bewegung im geistigen Stillstand des Nationalismus? Hat dieser Planet nicht schon viele Runden gedreht, über diese Zeit hinweg? Warum, denkst Du, fruchten Logik und Menschlichkeit so schwer in den Köpfen der Massen?
S.K.: So scheint sich eben die Welt zu drehen. Die Mächtigen spielen seit Menschengedenken mit Ängsten, was immer wieder auf fruchtbaren Boden fällt. Wenn man Angst hat, verlangt man nach Sicherheit – das ist schon immer so gewesen und es wird immer so sein. Aber es kann keine absolute Sicherheit geben, da können wir noch mehr Videoüberwachung oder Körperscanner einführen, können die europäischen Grenzen dicht machen oder die Zäune zwischen arm und reich noch höher bauen – das beschneidet am Ende unser aller Freiheit und macht uns noch ängstlicher. Ich kenne keine Lösung, aber dass es am Ende um Gerechtigkeit geht, darum, dafür zu sorgen, dass der Reichtum unserer Erde besser oder eben gerechter verteilt wird, steht für mich außer Frage. Und das schöne ist – ich treffe pausenlos Leute, die sehr gut unterwegs sind und voller Idealismus Sachen machen um Dinge zum Guten zu wenden…

BLITZ!: Und was kann das Publikum am 05.11. von Dir erleben?
S.K.: In allererster Linie Musik. Es ist für mich immer umstritten, von einer Bühne herab den Weltverbesserer zu geben. Natürlich erzähle ich in meinen Liedern Geschichten, die sich mit all dem, worüber wir eben gesprochen haben, beschäftigen, aber ich sehe mich, wenn ich auf einer Bühne stehe, doch als Entertainer – vielleicht als Entertainer, der immer wieder versucht, die Leute vor der Bühne anzuknipsen.
Benefiz für die Kinderhilfe Afghanistan; ANKER; 05.11.11; 20:00 Uhr
http://www.konzert-fuer-afghanistan.de/

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