Zwangsrasuren für Langhaarige und Gewalt (Interview Michael Schweßinger)

wurde schon in der Leipziger InternetZeitung veröffentlicht:

Während einige Kulturwissenschaftler mit ihren journalistisch leidenden Freunden Veranstaltungen planen, die immer noch jammernd die gute alte Zeit der Buchstadt Leipzig beschwören, gehen die jungen Wilden längst schon wieder eigene Wege – und scheren sich einen „Schittdreck“ darum. Dafür bewegen sie sich einfach zu gut, schlängeln sich in die Leben und auf die Bücherregale ihrer Leser-Innen und tanzen den Tango Boheme. Die kleine Edition PaperONE ist solch eine, nach eigenen Regeln spielende Playerin und Michael Schweßinger – seines Zeichens der Außenkommunkator der „Familie“ – ist ja (wie viele Aufmerksame wissen) immer ein interessantes Interview wert. Hier ist das Neueste:

Volly Tanner: Am 24.09. eröffnet Ihr den neuen PAPERONEladen im Herzen des Westens, gleich an der Karl- Heine- Straße, genauer in der Merseburger Straße 38. Was können interessierte Literaturbegeisterte an diesem Tag erwarten?

Michael Schweßinger: Zunächst einmal natürlich gute Literatur von unseren eigenen Autoren und des weiteren Bücher befreundeter Indie-Verlage wie Ventil, Maro, Nautilus oder Konkursbuch. Jeder, bis auf den Mops aus der Nachbarschaft, der vor unsere Tür gekackt hat, ist am 24.09. eingeladen ein bisschen im Sortiment zu schmökern, es sich in unserer Lounge bequem zu machen oder einfach mit uns über Gott und die Welt zu quatschen. Daneben haben wir noch eine Reihe „Specials“ eingeplant. Es gibt eine Verlosung und ich hoffe Oscar, Kurt Mondaugen Junior, hat Zeit und wird wieder wie bei der letzten Lindenauer Nacht die Gewinner ziehen. Außerdem gibt es noch einen interessanten literarischen Vortrag, eines italienischen Austauschstudenten, der sich seine eigenen Gedanken zum Flair des Leipziger Westens gemacht hat und natürlich jede Menge unvorhersagbare Dinge werden passieren. Lasst Euch überraschen! 

Volly Tanner: Eure letzten Verlagsräume waren in der Lützner Straße. Was sind denn die Gründe für den neuerlichen Umzug? Infrastruktur? Helligkeit? Lautstärkeentwicklung?

Michael Schweßinger: Die Lützner Straße ist eben die Lützner Straße, um es kurz zu sagen. Wir hatten ja mit Herrn Martin vom Fauser einen klasse Vermieter und schöne Räume, aber da oben ist einfach die Katz g`fregt, wie der Franke in mir zu sagen pflegt. Die Gleisbauarbeiten der LVB sind da auch nicht gerade förderlich, um Publikum in die Lützner zu locken und es ist hier unten einfach ein anderes Klima. Dr. Seltsam und NBL gegenüber, Helheim um die Ecke. Viele Veranstaltungen in der Nachbarschaft und vor allem läuft auch mal jemand die Straße entlang, der nicht auf dem Weg zum nächsten Getränkestützpunkt unterwegs ist, vielleicht sogar einer, der an Literatur Interesse zeigt. Also unsere Zielgruppe gewissermassen.

Volly Tanner: Die Edition Paperone verortet sich ja stark im deutschen Literaturunderground. Woran macht ihr das denn fest? Eine Frau Roche schreibt ja auch fäkalisch – und ist mittlerweile Mainstream.

Michael Schweßinger: War die Frau Roche mal Underground? Ist mir entgangen. Nun, die Verortung ist so eine Sache für sich und ich selbst bin kein großer Freund von solchen Labeln. Bukowski war Underground, aber wenn heute einer schreibt wie Bukowski, ist er dann noch Underground? Grundsätzlich habe ich es gern, wenn jemand was zu erzählen hat ohne dass man beim Lesen das Gefühl hat: „Man, was labert der für eine Grütze!“

Zur Zeit arbeiten wir an einer Publikation, die die Geschichte eines Beatniks im sozialistischen Jugoslawien erzählt. Da merkt man auf jeder Seite, dass das kein Spaß war. Zwangsrasuren für Langhaarige, Gewalt, Rechtsradikalismus direkt hinter der sozialistischen Fassade und trotz allem der Wille sein eigenes Leben zu leben, das ist für uns Literatur, die wir verlegen wollen. Also Menschen, die sich behaupten gegen die Masse. Die ihre eigene Version von Leben zu verwirklichen suchen, gegen den Strom von Kommerzialisierung und Kapitalisierung.

Volly Tanner: Nun mitten an der brodelnden und sich permanent verändernden Halsschlagader der Leipziger WESTKULTUR, sind Zusammenarbeiten angedacht? In der Lützner wars ja eher ein Schmoren im eigenen Saft. Hier damft der Literaturkessel jedoch recht fleißig und lautstark.

Michael Schweßinger: Naja, wir hatten ja auch schon in der Lützner gute Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem Fauser organisiert. Franz Dobler und unsere PaperONE-Lesenacht zur Buchmesse zum Beispiel, aber natürlich sind die Schnittpunkte und Möglichkeiten hier größer. Die meisten unserer Autoren sind ja auf der Piste und da gibt es deine Terrasse im Helheim, die Lesebühne West mit einigen unserer Autoren im NBL und das Drift, der neue Buchladen beim ehemaligen Cineding, hat ja auch ein klasse Angebot und wir ergänzen uns in vielen Bereichen. Es ist einfach schön, wie die Karl-Heine-Str. sich gerade entwickelt und der Westen ist groß, da ist für jeden Platz genug.

Volly Tanner: Und Du selber, lieber Michael – steht der nächste Bestseller der Herzen schon in den Startlöchern? Und was ist Dein nächstes Thema?

 

Michael Schweßinger: Bestseller der Herzen…hmmh, wenn du „In darkest Leipzig“ meinst, gibt es da bestimmt Einige die dir da nicht zustimmen werden. Nein, ein Buch schreibt sich nicht so von alleine und ich habe zur Zeit auch nicht die Muse zum Veröffentlichen. Neben dem Verlagsgeschehen, mache ich gerade meine Meisterprüfung als Bäcker und da meine vorangegangenen Stories apokalyptischer Natur waren, bekomme ich das nicht unter einen Hut und hab`s erstmal zur Seite gelegt. Im Gegensatz zu Schriftstellern, die davon leben müssen, bin ich in der glücklichen Situation, dass ich mir meine eigenen Brötchen backen kann und verspüre deshalb auch nicht so eine Panik, wenn ich mal einige Zeit publizistisch die Klappe halte. Zwei, drei Stories für die Lesebühnen im Monat, das ist völlig okay, aber die Feinarbeiten für ein Buch, da fehlt mir gerade die Zeit. Aber es gibt im November die Neuausgabe der beiden Lindenau-Bücher in einem Band mit Fotos und einem historischen Essay von Rainer Müller, der ja hier im Westen jeden Stein kennt.  

Volly Tanner: Gabs sonst noch Veränderungen in der PAPERONE? Personeller Art vielleicht – und warum? Oder neue Veranstaltungsideen?

 

Michael Schweßinger: Veränderung gibt es immer. „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss, einmal weil der Fluss ein anderer ist und einmal, weil man selbst ein anderer ist“, sagte Heraklit, soweit mich meine Schulkenntnisse nicht täuschen. Also wir sind ständig im Wandel, vom Personal sind wir jetzt im Laden und Vertrieb zu fünft, aber eigentlich sind wir ja, wie Olli immer so schön sagt, eine Familie, also die Edition PaperONE ist immer die Summe der Autoren plus einige Funken Begeisterung und Neugier, was da noch alles kommt.

Es wird in den neuen Verlagsräumen zweimal im Monat Lesungen mit unseren und befreundeten Autoren geben. Zum literarischen Herbst haben wir beispielsweise Klaus Märkert, den Meister des trockenen Humors zu Gast und unseren offenen literarisch-philosophischen Salon „La Bohème maudite“ wird es auch wieder geben.

Es lohnt also mal vorbeizuschauen.   

Volly Tanner: Danke für das kurze Gespräch & Euch natürlich alles Gute in den neuen Räumen!

http://www.editionpaperone.de

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