Wir sind viele und werden mehr und mehr (Interview Julia Neigel)

wurde schon im FRIZZ LEIPZIG OKT 2011 veröffentlicht:

Anfang November spielen Musikanten zugunsten der Kinderhilfe Afghanistan im ANKER – zum vierten Male dort. Große HeldInnen haben sich angesagt, eine davon Julia Neigel und Shevek Walden (Volly Tanner) bat sie zum Gespräch:

 

Die erste Frage, die sich Vielen aufdrängt ist: Warum Julia Neigel? Berühmt mit Ihrer Stimme sind Sie doch unter der Kunstform Jule geworden. Was war der Knackpunkt, der zur Neufindung in den letzten Jahren führte?

 Ich  glaube, dass man – wenn – mit Stimme, guten Songs, Authentizität und Qualität berühmt wird – weniger des Namens wegen. Und wenn der Name eine Rolle spielen sollte, dann ist doch der Nachname Neigel sicherlich genauso wichtig, wie ein Vorname. Jule war keine Kunstform sondern nur der Nickname von Julia. Irgendwann wollte ich diesen Nickname nicht mehr haben, zumal ich mir diesen Namen nicht selbst ausgesucht hatte. So eine Veränderung ist also recht natürlich. Ich bin sicher das geht ganz vielen Suse’s, Seppl’s, Fritzl’s, etc. im Laufe derer Leben irgendwann genauso. Der Klangunterschied ist zudem recht klein.

 

Das neue Album „NeigelNeu“ trumpft vor allem mit kraftstrotzendem Soul im Rockgewand auf. All die Fluchten in den Ethnodschungel, in die Wüstenwinde – Schnee von gestern? Ist Julia Neigel jetzt einfach nur noch Soulrock, ohne wenn und aber?

 Soul und Rock waren schon immer Teile der Eigenschaften meiner Musik, sind aber nur ein Teil dessen. Wenn du dir auf NEIGELNEU „3 Wünsche frei“ anhörst und dies mit einem Song wie „Wohin“ vergleichst, oder „Der perfekte Tag“ mit „Wollen wir wetten“ wirst du hören, dass auf diesem Album die übliche große Bandbreite einer Neigel zu hören ist.

 

Anfang November dürfen wir beide ja zusammen die ANKERbühne bespielen, zugunsten der Kinderhilfe Afghanistan und zusammen mit wunderbaren Kollegen, wie Zöllner, Maurenbrecher – aber auch Kirchberg und Gutzeit. Wie kams zu Ihrem Engagement für dieses Benefiz?

 Arno Köster, ein guter Freund und Geschäftspartner ist auch mit Benjamin Weinkauf befreundet. Er erzählte mir schon länger von diesem Projekt. Ich fand sein Engagement beachtlich und beobachtete das Ganze, denn es berührte mich. Als ich dann gefragt wurde sagte ich gerne zu.

 julia neigel by christian barz

Leipzig an sich. Gibt’s schöne Erinnerungen an unsere Stadt? Begegnungen? Orte? Töne?

Oh ja, sehr viele. Ich liebe Leipzig. Neben der Attraktivität der Stadt selbst fühle ich mich hier auch anderweitig verbunden. In Leipzig wohnen etliche Freunde und Kollegen. Hier habe ich lustige und interessante Tage verbracht, tolle Momente, wie z.B. Sessions mit Musikern mitten in der Nacht, viel dabei gelacht und unendlich Spaß gehabt. Diese Stadt hat so viel zu bieten und die Mentalität der Leipziger liegt mir auch. Ich habe fantastische Konzerte in Leipzig erlebt, unter anderem im Club „Der Anker“. Ich selbst werde mein eigenes Unplugged-Konzert dort am 11.02.2012 geben und freu mich riesig drauf. Das Leipziger Publikum ist fabelhaft.

 

Wenn Sie den Erfahrungsbogen von Ihren Anfängen 1982 punkrockend über den Blues bis zur heutigen starken Frau Neigel inklusive Erwachsen und Mittewerden ziehen, was bleibt? So viele Menschen – so viele Geschichten – so viele Emotionen. Wer ist Julia Neigel 2011?

 Geblieben ist die Liebe, das Können, die Wahrheit, der Wille, genauso wie echte Freunde. Konsequenz, Wissen, Klarheit und Freiheit ist hinzugekommen. Die Naivität ist verschwunden – falsche Menschen – auch und dafür die Kindlichkeit und das richtige Umfeld zurückgekehrt. Ich habe mich beruflich emanzipiert und das gesamte Umfeld umgekrempelt. Das macht im Lebensgefühl einen großen Unterschied. Ein Mensch hat im Laufe seines Lebens die Wahl ob er an den Aufgaben wachsen oder stehen bleiben will. Ich habe die Herausforderung angenommen. Am Wichtigsten ist es – so denke ich — sich zu akzeptieren wie man ist mit all den Stärken und Schwächen. Das macht den ewig Suchenden zu einem Findenden. Heute treibt mich Glück, Freude und Freiheit, anstelle von Angst und Blindheit – ich genieße mein Leben, für mich fängt es erst richtig an. Früher hatte in nur den Wunsch Musik zu machen gepaart mit Unwissenheit um Menschen und Umstände, die mir schadeten. Dabei war ich nicht glücklich. Ich wusste damals nicht was gut und richtig für mich, prüfte die Menschen nicht nach meinen Wertvorstellungen und wurde von anderen getrieben und auch manipuliert. Ich war aber schon immer ein Freigeist und strebe immer nach Freiheit und Verbesserung meiner Ideen. Damals war ich unfrei. Heute setzte ich meine Ideen um. Die Zeit hat daher heute für mich nicht mehr die Bedeutung von Eile, sondern von Genuss. So fühlt sich alles anders an. Ich fühle mich heute frischer und jünger denn je und war noch nie so glücklich. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, an dem mein Leben und jeder Tag sich richtig anfühlt. Das alles zusammen ergibt einfach nur einen glücklichen Menschen, der sein Ding macht. Wenn du mich also fragst, wer Julia Neigel 2011 ist, dann kann ich dir nur zur Antwort geben – eine glückliche Frau und Musikerin und mitten im Leben.

 

Die Teilnahme an einem Benefiz, wie dem Konzert für Afghanistan impliziert ja auch geistige Teilnahme am Geschehen, politisch allgemein, bis hin zur Spiritualität. Gibt es eine Lösung für uns? Gibt es Hoffnung? Glaubt Julia Neigel an ein Übermorgen in Licht und Wärme oder hat alles überhaupt keinen Sinn mehr und der Shoppingwahn frisst uns alle auf?

 Ich bin optimistisch dass das kollektive und humanitär orientierte wachsende Geistesgut dauerhaft einen stärkeren Einfluss auf die Menschheit nimmt, als der veraltete Raubtierkapitalismus und die Rücksichtslosigkeit der Herrenmenschenmentalität. Ich sehe das halb volle Glas und glaube an den weisen Satz „ Steter Tropfen höhlt den Stein“. Wir sind viele und werden mehr und mehr. Aufklärung ist dafür der Schlüssel und die globalen Medien bieten Möglichkeit das Tempo noch zu beschleunigen. Wer hätte z.B. noch vor einem Jahr gedacht dass in einem Land wie Ägypten ein Aufstand zum Sturz eines Diktators hätte führen könne? Wir sind auf einem Weg, der Besserung verspricht, auch wenn es noch viele Leute gibt, die überzeugt werden sollten. Benefizkonzerte wie Diese sind kleine Puzzleteile zum großen Ziel. Die Menschen müssen lernen auf einander Rücksicht zu nehmen und allen die gleichen Rechte einzuräumen. Wir sind mündig und sollten dies auch nutzen. Das ergibt sich alleine aus der Vernunft der Menschheit besser leben zu wollen. Ich weiß nicht, ob ich politisch bin, mit Sicherheit bin ich aber humanitär und sozialpolitisch interessiert. Ich beobachte kritisch globale und wirtschaftliche Zusammenhänge und politische Aktivitäten und Motivationen, weil ich die gesellschaftlichen Tendenzen erkennen will. Wenn diese Tendenzen unbefriedigend sind, sind es die ersten Zeichen dafür dass wir unsere Interessensvertreter und unsere moralischen Grundlagen ändern müssen – an diesem Punkt sind wir, denke ich. Und ich kenne viele, die das genauso sehen.

 

Was können denn die Leipziger am 05.11. erwarten?

 Das ihre Erwartungen hoffentlich positiv erfüllt werden.

 

Julia Neigel & Andere. Konzert für Afghanistan. ANKER. 05.11.2011; 20.00 Uhr

www.konzert-fuer-afghanistan.de

Text: Volly Tanner

 

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