Ein Genuss für Volly Tanner (das ungekürzte Spektakel mit Franz Werfel & David Ortmann)

Dieses Interview war der Grundstock für den DIE WANZE Text; ich traf Franz Werfel & David Ortmann und erlebte zwei herausragende Menschen, die viel zu erzählen hatten. Deshalb hier die ungekürzte Version:

 

 

Volly Tanner: Hallo David, Hallo Franz. Erstmal Glückwunsch zum Gewinn der ATT11. Was waren Eure Beweggründe das Buch von Paul Shipton auf die Bühne zu bringen. Ist die Bearbeitung von Euch oder gibt’s das schon als Theatertext?

 by volly tanner

David: „Die Wanze“ ist tatsächlich ein Kinderbuch von Paul Shipton, es gibt sogar einen zweiten Teil. Die Theaterfassung, die auch wir verwenden, wurde von Andreas Steinhöfel übersetzt und dann von Karin Eppler, Daniela Merz und Gerd Ritter bearbeitet – es wird landauf und landab von vielen Theatern gespielt, in Sachen Stückfindung waren wir also nicht wahnsinnig kreativ; es ist aber einfach auch ein gutes Stück. Mir ist „Die Wanze“ schon 2006 erstmals über den Weg gelaufen, an meiner ersten Stadttheaterstation in Halberstadt und Quedlinburg. Seitdem sind Franz und ich mit dieser Stückidee sprichwörtlich schwanger gegangen – und irgendwann hat es dann mal geklappt, daraus eine Produktion entstehen zu lassen.

 

Franz: Wir haben uns – das hören die Verlage aber selten gern – natürlich auch an einigen Stellen textliche oder spielerische Freiheiten genommen, wie sie Theater auch braucht. Beispielsweise steht gleich zu Beginn des Textbuches die Empfehlung, das Stück mit viel (Film-)Musik auszustatten. Jeder, der unsere Aufführung gesehen hat, weiß, dass wir da einen ganz anderen Ansatz hatten: So benutze ich als „Wanze Muldoon“ ganz viele kleine, witzige Instrumente, um die verschiedenen Insekten, Actionsequenzen und so weiter zu untermalen. Abgesehen von etwas Licht erzählen wir die Geschichte also ganz persönlich und handgemacht – und wir machen das nicht nur, weil wir das Stück auch direkt in Schulen und Klassenräumen zeigen wollen, sondern auch, weil das eine spannende Theaterform ist, wie ich sie während meiner Zeit im bolivianischen Straßentheater kennengelernt habe. Und irgendwie sind wir damit dann auch wieder bei den Anfängen und dem Kern von Theater, frei nach Ephraim Kishon, als der erste Höhlenmensch festgestellt hat, wie unterhaltsam es ist, wenn einer Faxen macht und der andere am Ende rhythmisch die Hände zusammenschlägt.

 

Volly Tanner: Angekündigt war das Stück als Kinderstück. DIE WANZE dürfte aber auch generationenübergreifend wirken. Was war Eure Intension, das Stück hauptsächlich für Kinder zu inszenieren? Sind die noch offener?

 

David: Das Stück ist, wenn man sich nur mal die Geschichte anschaut, natürlich erst einmal für Kinder: Komische Insektengestalten im Garten, eine einfach gestrickte Intrige, eine kleine Liebesgeschichte; sie wird textlich knapp und unterhaltsam erzählt. Von daher ist eher meine Überraschung, dass das Stück auch für Erwachsene so gut funktioniert. Franz betont immer gern das Parabelhafte an der Story und hat damit natürlich vollkommen Recht. Zudem kann er, vielleicht fast unbewusst, sich durch kleine Nuancen in seinem Spiel sehr gut auf die Publikumszusammensetzung einstellen: Wir hatten in Wismar die ersten Vorstellungen, die im besten Sinne Kinderquatsch mit David und Franz waren, und haben hier bei den Amateurtheatertreffen vor vielen Erwachsenen, aber nur ganz wenigen Kindern gespielt – und trotzdem wurde da wahnsinnig viel gelacht. Vielleicht ist das Stück auch einfach Familientheater im besten Sinne: eines, bei dem sich die Erwachsenen durch versteckte Andeutungen und die Kinder durch den rasanten Gartenkrimi unterhalten lassen.

 

Volly Tanner: Ihr nennt Euch die Gartenkriminalisten – gibt’s von Euch mehr als DIE WANZE? Wenn ja was? Wenn nein warum nicht?

 

Franz: Der Gruppenname „Gartenkriminalisten“ war eine Schnellschussidee, als wir unsere Bewerbung ans LOFFT.leipzig geschickt haben, ist aber nur für diesen einen Festivalauftritt entstanden. Wir haben jetzt, soweit ich weiß, nicht vor, einen Gartenkrimi-Zyklus herauszubringen.

 

David: In dieser Konstellation, mit Franz als Spieler und mir in der Regie, haben wir dagegen schon eine ganze Menge gemacht. Der Vollständigkeit und Langeweile halber müssen wir da etwas zurückgehen: Franz und ich sind zusammen ins Internat gegangen, an die Landesschule Pforta: er ab dem Jahr 2003, ich seit 2001. Zu dieser Zeit waren eine ganze Menge Theaterversessener in Pforte, die uns beide sehr beeinflusst haben, und wir vielleicht sie. In einem losen Theatergruppenverbund mit einem festen Kern haben wir so in manchen Jahren sechs Inszenierungen herausgebracht, nicht nur für unsere Mitschüler, auch für die Region. Das Besondere war, dass wir uns komplett ohne Lehrer organisiert und inszeniert haben. Wir haben sogar zwei Spielorte erschlossen und ausgebaut; aber davon können wir ja später erzählen, wenn es interessiert.

 

Franz: Jedenfalls haben David und ich zu Beginn gemeinsam auf der Bühne gestanden, im Wintermärchen „Die Schneekönigin“, im „Menschenfeind“, in Schnitzlers „Traumnovelle“. Irgendwann hat es David dann von der Bühne eher in die erste Reihe gezogen, erstmals in gemeinsamer Regie mit mir in der „Salome“ von Oscar Wilde – in der wir beide dann aber auch noch mitgespielt haben –, und dann kam „…und tot bist du“.

 

Volly Tanner: Wie kams zu … UND TOT BIST DU 2005?

 

David: Ich war im Internet auf der Suche nach Stücken fürs Schultheater auf den Text „Bang Bang, You’re Dead“ gestoßen, ein Versuch des Dramatikers William Mastrosimone, den amerikanischen Amoklauf in Columbine zu verarbeiten. Das war in meiner zehnten Klasse, bevor also Franz nach Schulpforta kam – und irgendwie wollte es niemand inszenieren, geschweige denn spielen. So lag es in der Schublade, und im Herbst 2004 habe ich dann Franz gefragt, ob wir das nicht gemeinsam ins Deutsche übersetzen wollen, und ob er nicht den Protagonisten spielen will. In „Bang Bang“ oder, wie wir es nannten „… und tot bist du“, sehen wir Paul, einen jugendlichen Amokläufer, der nach der Tat im Gefängnis auf seine Gerichtsverhandlung wartet – und der nachts von seinen fünf erschossenen Mitschülern und fünf Figuren, die wir nach den griechischen Rachegöttern „Erinnyen“ genannt haben, besucht und befragt wird. Wir sehen, was der Tat vorausging, ohne, dass das gleich die Gründe für die Tat waren. So eine Figur eines Amokläufers zu spielen, mit aller Verzweiflung, Wut und dem schrecklichen Tötungswillen, muss man sich zu spielen trauen, und man muss es können.

 

Franz: Natürlich spielt man ein solches Stück auch immer im Schatten des Erfurter Amoklaufes, und wir haben uns mit unserer Übertragung auch mit Absicht von den amerikanischen Verhältnissen gelöst und es auf eine deutsche Möglichkeit übertragen. Auch quälend konkret: Vor Beginn des Stückes haben wir eine Radiocollage eingespielt, in der echte Nachrichtensprecher von Radio SAW, Radio Brocken und dem MDR die Meldung verlasen, an der Landesschule Pforta habe es einen Amoklauf gegeben – ein schreckliches Gedankenexperiment, das zeigen sollte, dass solche Taten überall verübt werden können, und immer sind sie überraschend, und selten verhinderbar.

Wir haben diese Inszenierung dann zwanzig Mal gespielt, unter anderem beim Leipziger Theatertreffen, ausgerichtet vom LOFFT.leipzig und dem Theater der jungen Welt, und beim Schülertheatertreffen des Landes Sachsen-Anhalt in Halle. Dort haben wir den Publikumspreis gewonnen und wurden zum deutschlandweiten Theatertreffen nach Pirmasens entsandt, um unser Bundesland zu vertreten – erneut mit sehr positiver Resonanz, am Ende wurden wir als eine von drei Inszenierungen in dem Heft „Fokus Schultheater 05. betrifft: uns” ausführlich porträtiert.

 

David: Nach „… und tot bist du“ haben wir dann weitergespielt und -inszeniert, etwa das urkomische Stück „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“, und am Ende meiner Schulzeit, das war dann 2006, habe ich mich mit der Inszenierung einer Oper, die ein Mitschüler des Musikzweiges komponiert hatte, und dem Quasi-Monolog „Selbstmord in Madrid“ verabschiedet. Franz hat schließlich in seiner zwölften Klasse Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ inszeniert und zum Schluss einen sehr berührenden Clown in einer Theateradaption von Bölls „Ansichten eines Clowns“ gespielt.

 

Franz: Nachdem ich von meinem Auslandsjahr in Bolivien zurückgekehrt bin, wo ich in einem Theatersozialprojekt vor allem Straßentheater gelernt und weitergegeben habe, hat es uns schnell wieder zu gemeinsamen Theaterprojekten hingezogen. Wir haben noch aus unserer Schulzeit einen guten Kontakt zur Staatskapelle Halle, da ich mit meinem Musikkurs in der elften Klasse Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten” in Kooperation mit diesem Orchester inszeniert habe. Zusammen mit der Staatskapelle haben David und ich tolle Möglichkeiten bekommen, vor großem Publikum und unterstützt von hohem musikalischen Niveau zu wirken: Wir haben 2009 die deutsche Erstaufführung von „Die Geschichte von der Geigerin“ in eigener Übersetzung als Familienkonzert aufgeführt und im Jahr darauf ein komplett selbsterfundenes Stück über Don Quichotte für einen Schauspieler, Barockorchester und Percussion – das wurde dann als Schülerkonzert von der Staatskapelle auf Tour durch Sachsen-Anhalt geschickt, knapp zwanzig Mal habe ich den „Quichotte” vor jeweils hunderten Kindern gespielt. Und ich habe schon gemerkt: Während man von der Figur des Sancho Pansa in den Don Quichotte und von dort zurück in die Erzählerfigur des Cervantes springt, lernt man unheimlich viel über das Jonglieren von Rollen – und wie man Kinder eine Stunde lang bei der Stange hält.

 

David: Eigentlich ist unsere „Wanze“ also auch nur eine logische Fortsetzung dessen, was wir schon zuvor gemacht haben – und doch war sie noch einmal etwas ganz Neues, weil Franz hier zum ersten Mal abendfüllend allein auf der Bühne stand. Das fordert noch einmal so viel mehr Rhythmusgefühl und Kondition ab, weil eben kein Orchester ein kurzes Intermezzo spielt, an dem man als Spieler luftholen kann.

 

Volly Tanner: 2007 habt Ihr „theatrum ante portas“ ein Buch – herausgebracht. Erzählt mal ein bisschen. Worum geht’s? Warum habt Ihrs gemacht? Hats irgendwen erreicht? Warum Schulpforte?

 

Franz: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“, heißt es bei Schiller, und tatsächlich ist ja eine der großartigen Eigenschaften des Theaters, das es der wohl flüchtigste Stoff auf dieser Erde ist: Wenn sich der Schauspieler am Ende verbeugt, ist alles weg, es bleibt vielleicht die flüchtige und trügerische Erinnerung im Kopf des Zuschauers. Selbst, wenn wir versuchen, mit Videoaufnahmen und Fotos diesen Stoff einzufangen – es sind nur Behelfsmittel, und die Einmaligkeit und Unmittelbarkeit des Spiels ist am Ende verloren.

 

David: Nun wurden wir von vielen Lehrern, Eltern und Mitschülern angesprochen, dass unsere kurze Zeit an der Landesschule Pforta mit ihrer Theaterarbeit etwas ganz Besonderes gewesen sei, das es in den Jahren zuvor so nicht gegeben hätte. Als selbst Tätiger reflektiert man so etwas ja wenig, wer weiß schon, was auf welchem Niveau vor einem da war? Dazu muss man sagen, dass wir – und das sind ausdrücklich nicht nur Franz und ich – mehr getan haben, als nur diese erkleckliche Zahl an Produktionen pro Jahr herauszuhauen; wir sind auch über das Schulgelände gestreift und haben Orte gesucht, an denen wir Theater machen können, abseits von der Schulaula, in der Klausuren geschrieben, Orchesterstücke geprobt und Vorträge gehalten werden.

 

Franz: Und in die man keine Löcher bohren darf…

 

David: Schulpforta, das sollte man dazusagen für alle, die diesen Ort nicht kennen, ist ein ehemaliges Zisterzienserkloster aus dem 12. Jahrhundert, das im 16. Jahrhunderten vom Kurfürsten in eine Landesschule umgewandelt wurde – „damit es an gelahrten Leuten nicht Mangel gewinne“, und das hieß und heißt: Das Land kommt für fast alle Kosten auf, die Schüler zahlen ein nur geringes Entgelt für die (obligatorische) Unterbringung im Internat, das kaum das Kindergeld übersteigt; und eine Stiftung hilft jenen, die auch das nicht leisten können. Schulpforta, und darauf will ich eigentlich hinaus, hat es also als Schule in allen Phasen Deutschlands gegeben, es war Fürstenschule, Napola, zu DDR-Zeiten „Rotes Kloster“, seit der Wende hat Pforta wieder zu seinen humanistischen Wurzeln zurückgefunden. All diese Zeitenwenden haben ihre Spuren hinterlassen, das Gelände um die Schule herum war Teil einer LPG, große Kuh- und Schafställe bezeugen dies noch heute. Wir haben der Stiftung Schulpforta, der diese Liegenschaften gehören, also irgendwann als Theatergruppe sowohl einen gerade zum Heizkeller renovierten Kuhstall zur Hälfte als Kleines Haus abgeschwatzt – und sind kurz danach in einen riesigen, wahrscheinlich astbestverseuchten Stall als Großes Haus eingezogen, mit Seitenbühnen und drei großen hintereinanderliegenden Bühnenbereichen, aufsteigender Zuschauertribüne, Beleuchtung und rotem Samtvorhang. Alles komplett in Eigenregie, wir haben mit Kreissägen und Europaletten hantiert, die Wände schwarz gestrichen und mit Messern aus dem Speisesaal das Linoleum vom Fußboden geschabt.

 

Franz: Aber zurück zu „theatrum ante portas”: Kurz bevor ich 2007 die Schule mit dem Abitur in der Hand verlassen sollte, haben wir uns ein Herz gefasst und gesagt, komm, diese letzten fünf Jahre, die fixieren wir ineinem Buch, pro Stück drei Seiten, mit den Namen aller Mitwirkenden, mit Fotos, einem Erinnerungstext, den Zeitungsrezensionen, großem Farbteil in der Mitte – und in einer Special Edition mit CD, auf der alle Fotos dieser Jahre zusammengefasst waren. Es war eine wunderbare Erfahrung mit vielen mehrstündigen Telefonaten und durchgemachten Nächten, Korrekturfahne um Korrekturfahne, und wir wurden von so vielen hilfsbereiten Menschen textlich, finanziell und verlegerisch unterstützt. „Theatrum ante portas” war unser kleines Dankeschön an die Schule für diese unfassbare Zeit, in der wir über den Unterricht hinaus so viel gelernt haben und die uns zusammengeschweißt hat.

Wir haben dir das Buch übrigens hier mal hochgeladen, falls du es digital durchblättern möchtest: http://issuu.com/davidortmann/docs/theatrumanteportas

 

David: Und weil du fragtest, „warum Schulpforta?“: Ich habe es eben ja schon angedeutet, für uns war das eine Schule, die wir wollten – nach der achten Klasse hochmotiviert und wissenshungrig –, und die uns wollte, man durchläuft nämlich ein Auswahlverfahren. Neben den uns interessierenden Sprachen – wir haben Latein und Altgriechisch, Englisch und Französisch bzw. Spanisch gelernt – ist vor allem die Einheit von Leben und Lernen, die sich die Schule auf die Fahne schreibt, im Rückblick sehr prägend. Der enge Kontakt mit den Mitschülern und Freunden im Vierer-, Dreier- oder Doppelzimmer, die Lehrer, die im Internat auch als Hauseltern oder Pädagogen arbeiten, das Abgeschottetsein im Burgenlandkreis, wo letztlich drei- bis vierhundert Schüler auf einem Haufen hocken und sich mit Musik, Wein und Theater selbst unterhalten müssen – das sind großartige Bedingungen für Menschen, die als vierzehnjährige Kinder ankommen und als humanistisch geprägte Persönlichkeiten die Schule wieder verlassen. Sofern man jedenfalls das Leben im Internat aushält; das ist gerade für Einzelkinder, wie auch ich es quasi war, eine gewisse Herausforderung.

 

Volly Tanner: Was ist Euer Resümee zu den ATT11?

 

Franz: Leider konnten wir in diesem Jahr keine anderen Inszenierungen besuchen, da ich mitten in den Vordiplomsprüfungen steckte und David als verantwortlicher Regisseur in den Endproben zum diesjährigen Wittenberger Sommer-Open-Air „Gottes Narr und Teufels Weib”. Dennoch sind wir mit den anderen Gruppen ins Gespräch gekommen, was für uns immer eine spannende Bereicherung bedeutet. Besonders möchten wir uns bei Jenny für die herausragende Organisation, bei der Haustechnik für die unkomplizierte und sehr kompetente Betreuung sowie bei allen weiteren Verantwortlichen ganz herzlich bedanken. Wir waren sehr gerne Gast – und das beginnt bei so kleinen Aufmerksamkeiten, wenn die Garderobe auf den eigenen Namen ausgewiesen ist; das ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit. Und bei der Dame aus dem Café bedanke ich mich für den Pikkolo, mit dem sie mit mir nach der Preisverleihung angestoßen hat…

Ein wenig mehr „Drumherum” wie Lesungen oder ein tolles Konzert für alle Beteiligten und Interessierten wäre natürlich auch schön gewesen – aber das LOFFT muss sicherlich auch schauen, wie und wofür es seine bestimmt nicht überfließenden Mittel einsetzen möchte.

 

Volly TanneR: Wie geht’s weiter? David & Gottes Narr & Teufels Weib (bitte n bissel was dazu sagen) & Franz Werfel (heißt Du eigentlich wirklich so?), was machst Du jetzt so alles noch diesen Sommer?

 

David: Ich inszeniere momentan tatsächlich in Wittenberg das Sommertheater, am Donnerstag hat „Gottes Narr und Teufels Weib” im Hof des Lutherhauses Premiere. Ich hatte im vergangenen Jahr erstmals in Wittenberg inszeniert, Texturaufführung des mitteldeutschen Autors Frank Wallis, fünf Schauspieler – „Jagd auf Junker Jörg” hieß es da und war eine ziemliche Trash-Nummer. In diesem Jahr wird es etwas ernster, denn wir bewegen uns in der Zeit der frühen Reformation und der Bauernkriege, wir sind bei Martin Luther und Katharina von Bora zu Hause, beide entscheiden sich für eine Hochzeit in diesen blutigen Zeiten: „Denn wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.” Es wird im Verlauf des Stückes manche Intrige gesponnen, ein Attentat auf Luther vorbereitet – aber trotzdem machen wir auch sinnliches Sommertheater mit viel Witz und Schnelligkeit, einer tollen Bretterbühne und fünf gut aufgelegten Schauspielern. Das Tolle in diesem Jahr ist, dass wir im Rahmen eines Pilotprojektes mit dem Stück auf Tournee gehen werden: im Juli und August an acht Städten entlang des Lutherwegs, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

 

Franz: Und ich heiße tatsächlich so, meine Eltern (Papa = Germanist) haben den Österreicher einfach gern gelesen. Ich hatte ein volles, spannendes Semester mit vielen Herausforderungen neben dem Studium: Davids und mein wöchentlicher Theaterworkshop in der hallischen Silberhöhe mit Kindern der dritten und vierten Klasse in Kooperation mit der Staatskapelle Halle und der Bürger.Stiftung.Halle, meine Freie Mitarbeit im Kulturteil der „Mitteldeutschen Zeitung“ (durch die ich in den Genuss komme, Theater und Konzerte regelmäßig von der anderen Seite her zu betrachten), meine neue Liebe seit dem Jahreswechsel… Da wurde einem schon nicht langweilig. Ende Juli geht es für mich nach drei Jahren endlich zurück nach Südamerika, ich werde in sechs Wochen Peru und Bolivien bereisen, bekannte Orte wiedersehen und neue entdecken, meine Gastfamilie wieder in die Arme schließen, ehemalige Theaterschüler und -freunde treffen. Und ab September werde ich ein Semester lang in Barcelona Politikwissenschaften und Philosophie studieren. Wenn ich dann im März wieder in Deutschland bin, freue ich mich auf viele weitere „Wanze”-Aufführungen, unter anderen ja auch im LOFFT, und neue Projekte. Es bleibt also durchaus spannend…

 

Volly Tanner: bitte von jedem von Euch eine kleine Vita, ein kleiner Überblick, damit ichn paar biografische Daten einfließen lassen kann…

 

David: Ich bin Jahrgang 1986, wurde in Dessau geboren und war bis 2006 Schüler des Sprachenzweiges an der Landesschule Pforta, dort entstanden meine ersten Inszenierungen, dort entdeckte ich die Liebe zum Theater – wieder. Meine Eltern sind Schauspieler, aber es war für mich lange klar, nicht in die Fußstapfen meiner Familie treten zu wollen; und ihnen auch.

Direkt nach dem Abitur bin ich ans Stadttheater gegangen und habe dann bis Ende 2008 am Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt/Quedlinburg gearbeitet, in der Dramaturgie und als Regieassistent. Dort hat mir mein Intendant frühzeitig die Möglichkeit gegeben, selber zu inszenieren: Deshalb konnte ich unter anderem im Rahmen der Halberstädter Domfestspiele 2008 Elfriede Jelineks „Totenauberg” als szenische Installation inszenieren.

Im Sommer 2009 engagierte man mich dann als Regieassistent und Regisseur zurück in die Heimat, ans Anhaltische Theater Dessau. Hier debütierte ich mit Felicia Zellers „Kaspar Häuser Meer” und inszenierte in der Spielzeit 2010/11 die Bühnenversion zu Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen”. Bereits im zweiten Jahr inszeniere ich in diesem Jahr das Wittenberger Sommertheater, das erstmals auch auf Tournee entlang des Lutherweges in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu sehen sein wird.

In den vergangenen Jahren gab es einige erfolgreiche Produktionen mit der Staatskapelle Halle, außerdem bin ich im dritten Jahr beim IMPULS-Festival für Neue Musik in Sachen-Anhalt für die Redaktion von Programmheft und Website verantwortlich, layoute und redigiere gemeinnützige Magazine wie den „(W)ortwechsel weltweit”, das Ehemaligenmagazin der Landesschule Pforta „Die Pforte” und „Thema. Das theologische Magazin” der Universität Leipzig – und fotografiere vereinzelt für die Mitteldeutsche Zeitung, das Anhaltische Theater Dessau und Künstler wie die Pianistin Ragna Schirmer.

 

Franz Werfel: Ist Jahrgang 1989, wurde in Wismar/Mecklenburg geboren. Sein Abitur legte er im Spezialzweig Sprachen an der Landesschule Pforta in Sachsen-Anhalt ab und leistete von 2007 bis 2008 seinen Zivildienst in einem Theatersozialprojekt in den bolivianischen Anden. Er betreut dort ehrenamtlich ein Kinderhaus, begleitet Freiwillige während ihres sozialen Jahres und ist einer der Redaktionsleiter der Freiwilligenzeitung „(W)ortwechsel weltweit“.

Seit seinem zwölften Lebensjahr spielt er intensiv Theater, gewann mit der Theatergruppe Schulpforta den Publikumspreis für Schülertheater in Sachsen-Anhalt sowie Kreativpreise im Bundeswettbewerb Fremdsprachen.

Außerdem war er bereits in Produktionen der Staatskapelle Halle als Schauspieler zu sehen, darunter in Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“, Henderickx’ „Olek schoss einen Bären“ (Deutsche Erstaufführung), Brittens „The Young Person’s Guide to the Orchestra“, Marsalis’ „Die Geschichte von der Geigerin” (Deutsche Erstaufführung) und des „Don Quichotte”.

Seit April 2009 studiert er an der Universität Leipzig Evangelische Theologie und Philosophie. Neben dem Studium gibt er weiter Theaterworkshops, ist Freier Mitarbeiter im überregionalen Kulturteil der „Mitteldeutschen Zeitung” sowie Mitherausgeber des „Theologischen Magazins” der Studentenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

 

Volly Tanner: Was wollt Ihr noch mit drinhaben im Beitrag?

 

David: Ich glaube, wir haben ohnehin schon genug erzählt, um mehrere Bände zu füllen …

 

Volly Tanner: Wie schaffst Du – Franz – das Stück durchzuhalten? Sport? Gesunde Ernährung? Du verlierst doch während einer Aufführung richtig Kilos. Die Körperarbeit. Hast Du das trainiert????? Und wie?

 

Franz: Tatsächlich reicht mir das regelmäßig gespielte Stück als Sport und Ausgleich zum Uni-Alltag. Natürlich ist ausgiebiges Dehnen vor jeder Probe und Aufführung ein Muss. Kilos verliere ich leider nicht – nur sehr, sehr viel Flüssigkeit (circa einen Liter). Ich habe ja selbst noch nicht die Videoaufzeichnung gesehen, aber: Das Meiste ist Kopfsache. Und gutes Proben. Aber davon erzähle ich dir mehr, wenn der Regisseur hier raus ist, sonst hebt der noch ab…

 

Danke, Ihr Beiden. Wird ein Fließtext in den ich Eure Antworten (gern ausführlich) einbaue…bitte so schnell wie möglich…dankeschöööööööööön…

ps – david, du bist ja auch fotograf, für wen? Warum und was genau?

 

David: Fotografieren ist für mich Kreativität, die in einen Rucksack passt: Wenn ich gerade mal „nur” assistiere oder das Gefühl habe, mich nicht hinreichend fantasievoll auszuleben, dann ist der Griff zur Kamera sehr beruhigend. Das habe ich früh gespürt, nach meinem ersten Theaterjahr im Harz einem Kollegen seine alte DDR-Praktica-Kamera abgekauft und bin mit ihr im Anschlag durch die Niederlande geradelt. Bald darauf habe ich dann in eine digitale Spiegelreflex investiert, und ich genieße es, aus Objektiven, Belichtungszeiten und Perspektive ein Bild zusammenzusetzen.

Zu meinem großen Glück fragen auch Außenstehende immer mal diese Fähigkeiten ab: Für den Kulturteil der Mitteldeutschen Zeitung – für den Franz wie gesagt als Freier Mitarbeiter arbeitet – schieße ich vereinzelt Bilder, auch fürs Anhaltische Theater springe ich manchmal mit Fotos für Programmhefte und Flyer ein, und die Konzerte des IMPULS-Festivals für Neue Musik habe ich auch schon fotografisch dokumentiert. Zu Ostern dieses Jahres hatte ich sogar die Möglichkeit, die Konzertpianistin Ragna Schirmer auf ihrer Liszt-Reise durch Italien und die Schweiz zu begleiten, möglicherweise fließen einige dieser Aufnahmen in ihr nächstes CD-Booklet ein.

In solchen Momenten werden natürlich Träume wahr: Wenn die Sachen, die man mit viel Herzblut, aber auch und vor allem für die eigene Seele, betreibt, auch von anderen wertgeschätzt werden. Und damit sind wir gar nicht so weit davon entfernt, worüber wir drei hier gerade gesprochen haben – von der Theaterleidenschaft.

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