LAUDATIO THOMAS GEBHARDT (geschrieben & gehalten von Volly Tanner)/ ES GEHT NICHT UM DEN GEWINN!

Will der interessierte Mensch sich dem Schaffen des Künstlers Thomas Gebhardt nähern, geht dies nur über den Menschen, der da schaffend um Ausdruck ringt. Schließlich entsteht Malerei – will sie zu Kunst werden – nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus Lebensgeschichten, Bezug- und Anteilnahme, der prinzipiellen intellektuellen Möglichkeit zur Abstraktion und Reflexion und dem Mit- und Gegeneinander der Farben und Sichten.

 

Das daneben auch noch Keramik in Gebhardts Output Form wird – und dies wiederum auf ganz spezieller Reise – hat auch mit dem Menschen zu tun, ists eben nicht Massenware aus der Teller- und Vasenvervielfältigung, sondern Suche und Wanderung zu Form und Farbe.

 

Gebhardt – der Vielstationenbesuchende, der so manches seiner Brötchen als freier Redakteur, Reporter und Buchautor erwirtschaftet, der eben Reisereportagen und Portraits schreibt für MERIAN, GEO, Der Feinschmecker und Andre, dessen Bücher über Menorca, Kreta, Mecklenburg-Vorpommern, Malta oder die französische Atlantikküste bei Polyglott und Apa Guides veröffentlicht sind und auch im Englischen und Niederländischen für Nichtdeutschkommunizierer zur Verfügung stehen, dieser Gebhardt ist – im besten Sinne des Wortes – losgelöst.

 

Konventionen und Grenzen sind ihm Käfige – und Käfige sind zum „Sich-Bewußt-Werden“ da – damit man ausbrechen kann, falls man ausbrechen muss, falls man ausbrechen will.

 

1962 schlug sein erstes Stündlein in der Altmark, da, wo Wiesen und Wälder um Aufmerksamkeit buhlten und dann, wenn sie siegreich in den Fokus stürzten, versuchten, sich daraus zu befreien. Still lag das Land, die Böden voller Kraft und weit war der Horizont – was auf den kleinen Thomas seine Wirkung nicht verfehlte.

 

So sagt er heut, befragt nach Heimat: Hamburg, London, Leipzig – und schwärmt von einem klitzekleinen Flecken am West-Rand der Mecklenburger Seenplatte, einem versteckten Örtchen mit einem kleinen Häuschen und einem heruntergekommenen Bauwagen, den er sechs Jahre immer wieder belebte – um eben dies Häuschen aus der Vergessenheit zu reißen.

 

Und gerade so, wie dieses Haus wieder atmet und belebt ist, so arbeitet Gebhardt auch in seiner Kunst.

 

Die Keramiken hergestellt in Anagama, mittels mit Freunden selber gebauten Höhlenbrennöfen japanischer Tradition, Holzbrand bis auf 1400 Grad – vier Tage und Nächte hochgeheizt, schrühbrandvollzogen, nicht mehr rückverformbar und – so sagt Gebhardt im Gespräch mit mir: „ … das ist ein Abgeben an den Ofen, ein Loslassen.“

 

Denn dies ist auch eine Meisterschaft – dieses Loslassen – früh erlernt von Gebhardt, kurz vor der Veränderung der Gegebenheiten im hierigen Teil des Landes, Ende der Achtziger – aufgrund zu hoher Diskrepanz zwischen Worten und Taten, zwischen Fühlen und Müssen.

 

In Gebhardts sauberer Sprache klingt dies dann so: „Nach Jahren des Zweifels und des Abschieds machte ich mich auf die Suche nach einem Land, das auf Fragen und freie Meinungsäußerung nicht mit Bildungsverbot, Ausgrenzung vom öffentlichen Leben und Erpressung reagierte, und floh noch vor dem Mauerfall aus der DDR, in die ich 1962 hinein geboren war. Dieser Schritt machte  mich ungewollt und semantisch unwahr zum Republikflüchtling, da ich aus einer Republik beileibe nicht geflohen wäre.“

Oh, wundervolle Klinge der Sprache, gut eingesetzt ein gutes Schwert, das schneiden kann, genau da, wo geschnitten werden soll, nicht reißend und rupfend, sondern sauber und gekonnt.

 

Dies, was er da im Keramik formt, kommt in Japan gern einmal für 100 000 Euro auf den Tisch, sind doch dort und auch – zum Beispiel gleich vor der Haustür – (in Frankreich) traditionelle Praktiken noch wert. Tradition, die, wie Gustav Mahler so trefflich formulierte: „ … nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weiterreichen des Feuers sein soll.“

 

Der Wert eines Stückes ist eben mehr als Geld, ist Zeit und Herz und Enthusiasmus, ist Freude, Fantasie und Liebe und Mensch. „Ich glaube, dem Deutschen ist DAS MANIFESTE mehr.“ sagt etwas trauernd, aber doppeldeutig Gebhardt – und: „Ich verstehe mich als Kulturmittler, wir dürfen nicht so viel verloren gehen lassen in der Veränderung.“

 

Seit knapp 20 Jahren ist Gebhardt auch wieder – nach einer längeren Pause – malend. Hier und derzeit „nichtfigürlich“, also nicht im Fahrwasser eines knallevollen Boots namens Leipziger Schule bepackt mit Anspielungen und Trends, eher eigenbunt und grenzenfrei, interpretierbar, aber mit Anstoß.

 

So weist das Bild „Nachthemdmädchen tanzend“ mit all seiner Farbigkeit und Wucht auf Anne Sextons Gedicht:

 

Lied für ein rotes Nachthemd.

 

„Nein. Nicht wirklich rot.

Sondern die Farbe einer Rose. Wenn sie blutet.

Es ist ein verirrter Flamingo

irgendwo Schiaparelli- Rosa genannt

womit aber nicht rosa gemeint ist, sondern Blut und

jene Zimtherzen aus dem Süßwarenladen.

Es flattert wie Capes in den intakten

Dörfern in Spanien. Womit eine Schicht Feuer

gemeint ist und darunter, wie ein Blütenblatt,

eine rosa Flügeldecke, rein wie Stein.“

 

Und weiter schreibt Anne Sexton:

 

„Ich meine also ein Nachthemd in zwei Farben

und aus zwei Schichten, die von den Schultern

über alle Zonen fließen.“

 

Der Text vertieft sich weiter und weiter. Anne Sexton, die schon sehr früh an den Gegebenheiten rieb, die ihre Zeit ausmachten – und dies bis zum finalen Eigenhandanlegen trieb, gab Anstoß und Worte, die zu Bild wurden, in Form gemalt und farbig umgedreht. Abstrahiert eben, abstrakt gemacht – abstrakte Kunst so zu sagen.

Auch andere Bilder haben Geschichten, so „Hawaii just 18 hours away“ – mit seiner chaotischen Unruhe, Verbildlichung des Länderkonsumenten westlicher Prägung, gehetzt von Reisebüro zu Individualreise, mehr und mehr – und mehr vergessen.

 

Oder: „Da gehen die Nachbarn“ – eine Reihe aus vier Stücken: „Die Müllers“, „Die Meiers“, „Die Schulzes“ und „Die Schmidts“, Gardinenwedeln in Form gemalt, aufgehobene Momente und verwischte Einsichten. Und Gebhardt fragt dabei: „Was bringt der Betrachter ein, ins Leben seiner Mitmenschen?“

 

Sind wir alle nur noch Voyeure?

 

Kandinsky sagte: „Das ist schön, was einer inneren seelischen Notwendigkeit entspringt.“.

Und so gibt es Bilder, wie „Von der Kunst einen Störenden nicht Störer zu nennen.“ oder „Als das Licht auf die Erde fiel, schlug es unterhalb der Fenster auf“, zu dem Thomas Gebhardt sagt: „Die Leute suchen alles Mögliche & finden es nicht. Manchmal muss man nur aus dem Fenster schauen und da ist es schon.“

 

Und wie in seiner Malerei ist Gebhardt auch in seinem Sein frei. Verheiratet seit Neuestem, mit den Jahren kompromissbereiteter – aber nur bis zu einer von ihm benannten und erfühlten Grenze, stößt er lebendig lebend und voller Kraft Mauern weg. Die DDR hatte da Negativwert für ihn, wo andere sich psychologisch erklärbarer Ostalgie hingeben. Schließlich zwangen die Grenzen zum „Selber-Gehen“. Zum aus der Enge der Verhältnisse heraus Räume zu weiten und sich Selber wert zu sein.

 

Ein Dasein in Ankommen und Abfahren, ein Reisen-Dürfen, weil ein Intellekt erfasst, was er sieht und hört und spürt. Ein Fragender und reflektierender Geist, mit dessen Welt sich zu befassen Genuss sein kann für offene Menschen, denen die Welt ein Garten ist und die Abhängigkeiten nicht zum Gesetz werden lasen.

Ein Freigeist, wie er im Buche steht, wie er in Bildern und Formen, in Worten und Lieben, schafft.

 

Und nicht Gewerbe, sondern Kunst.

Und nicht Befehl, sondern Angebot.

Und nicht Nur-Grenze, sondern Mensch.

 

Genießen Sie und kommen Sie ins Gespräch, miteinander und mit Thomas Gebhardt. Hinterfragen Sie.

 

Es ist noch soviel Leben möglich. Und Kunst entsteht nie im luftleeren Raum.

 

Danke.

 

Volly Tanner zur Ausstellung in den Räumen der ZAROF GmbH (Sommerfest 2011)

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