Ich will das Leben kosten! (das große Josephine Gadau Interview)

erschien schon in zwei Teilen in der Leipziger Internetzeitung:

Eine der wichtigsten Regeln (auch im Journalismus) ist: Lass es fließen! Und es fließt so selten – aber dann, dann fließt es oft wie ein warmer, angenehmer Sommerregen. Beim Treff mit Josephine Gadau stimmte alles. Sie war redselig und hatte zu erzählen und ich durfte lauschen und mich darin sonnen. Josephine selber hat eigentlich ein kleines Handmade-Label, namens endor.phine – und sie stellt lustig flatternde Zipfelröcke und Kinderklamotten her. Das geriet aber völlig in den Hintergrund. Wunderbar – wenn Menschen leuchten. Wunderbar – wenn Menschen menschlich im Guten sind:

byvautee

Volly Tanner: Du bist ja keine Leipziggeborene. Was hält Dich hier? Was gefällt Dir an Leipzig?

Josephine Gadau: Ich mag die Gegensätze zwischen dem Menschengewusel und Gewimmel (zum Beispiel momentan, wenn so viele Menschen im Park in der Sonne liegen, grillen, spielen, reden, lachen, Seifenblasen machen und beisammen sind) und die Ruhe und Verbundenheit, die ich im Wald finde … dieser wunderbare grüne, waldige Streifen, der sich durch die Stadt zieht.
Ich liebe meine engsten Freunde, die ich hier in Leipzig kennengelernt habe und die den Weg in mein Herz gefunden haben.
Irgendwie ist Leipzig in den letzten 10 Jahren einfach mein zu Hause geworden, so genau weiß ich auch nicht warum. Leipzig war die Stadt, die mich mit 17/18 Jahren am meistens gereizt hat. Berlin war für mein Empfinden zu riesig, zu anonym, zu unecht (ist es auch immer noch). Ich war zwei/dreimal vorher in Leipzig (bevor ich hergezogen bin) und das Gefühl zu der Stadt war einfach da, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben. Leipzig ist nicht zu groß und nicht zu klein, anfangs haben mich natürlich auch die Bars, Kneipen, Partys angezogen, neue, interessante, bunte, aufgeschlossene, authentische Menschen kennenzulernen (natürlich mit Ausnahmen) – was man halt in diesem Alter so will.

 
Volly Tanner: Deine Lebensphilosophie? Antikonsumistisch? Was sind Deine Wertevorstellungen? Was macht den Menschen aus? Gibt es einen Sinn hinter allem oder gehts nur um die Balz?
 
Josephine Gadau: Puuuhhh, die Fragen werden ja ganz schön intensiv – meine Lebensphilosophie? Nimm alles von der Welt! Neugierig sein, dem Herzen folgen (auch wenn das nicht immer einfach ist und ich nicht denke, dass mir das immer gelingt) und ja – die goldene ethische Regel: Was du nicht willst, was man dir antut, das füge keinem anderen zu, wenn das die Menschen leben würden und könnten, dann wäre vieles viel einfacher, denk ich. Ich muss dabei auch immer an meine Oma denken, die mal zu mir sagte (als ich meinen ersten Liebeskummer hatte): So wie man liebt, so leidet man auch. .. ja… genau…ich will mein Leben mit allen Sinnen, mit allen Höhen, mit allen Tiefen, mit allen Emotionen, mit meinem ganzen Körper und meiner ganzen Seele leben… ich will nicht abstumpfen… ich will nicht unecht werden…  das macht mir Angst.
So tief, wie der Mensch in das Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leid, das Leben soll eine Sinuskurve sein, mit Bergen und Tälern, denn ohne Täler keine Berge. Und der Sinn hinter allem – ach wenn man den nur wüsste. Da muss ich gleich an so einen Spruch denken. Von wem der ist, habe ich vergessen, aber es ging darum, dass die meisten Menschen lediglich existieren und nicht leben… das fand ich ganz schön erschreckend.

Antikonsumistisch??? Nein leider bin ich das nicht Ich sehe mich schon als einen Konsummenschen, aber wo fängt das an und wo hört das auf??? Ich kaufe mir schon gerne mal was Schönes, aber das brauche ich ja auch alles (naja nicht wirklich) hihi… Mit handgemachten Klamotten, getöpferten Sachen und Geschmeide, bringst du meine Augen zum Leuchten. Dabei weiß ich doch eigentlich, dass ich genug Klamotten, Schmuck etc. besitze und dann packt mich mein schlechtes Gewissen, und der Platzmangel und dann wird der Kleiderschrank halt wieder aussortiert, Zeug in den „second hand laden“ gebracht, oder in anderen Sachen recycled ich sag nur: RE-USED …

Volly Tanner: Was sind Deine Ziele für die nächsten drei Jahre? Großproduzentin von Zipfelröcken? Glücklich werden?

Josephine Gadau: Die Frage ist relativ einfach für mich zu beantworten: also an erster Stelle mein Kind glücklich machen, dann kommt lange nichts und dann kommt gleich mein Diplom. Also endlich den lang erarbeiteten Abschluss machen. höhö
…och jaa… und wenn ich keinen Job als Sozialpädagogin finde (was ich nicht glaube, weil die suchen ja) dann, jaaa dann ist das hauptberufliche Produzieren von Zipfelröcken die Idee, aber mal sehen – ich denke, es wird sich entwickeln. Warten wirs ab.

Volly Tanner: Was macht Dich glücklich?

Josephine Gadau: Mein lachendes, glucksendes, quiekendes Helenekind (diese Glücksgefühl, das meine Tochter in mir auslöst, das schlägt nichts)
zur Musik der Sterne tanzen
Sonnenstrahlen auf der Nasenspitze
am Strand wunderbare Meeresschätze finden
der Biss in eine süße, saftige Melone
bunt schimmernde, glitzernde Seifenblasen
Schmetterlingsgeflatter um mich herum
und mich würde es super glücklich machen, wenn ich endlich mal meine erste Sternschnuppe dieses Jahr sehen würde.
Es macht mich glücklich in solchen Momenten zu spüren, dass ich den Blick für das Wesentliche, das Wichtige nicht verloren habe. Das Glück liegt für mich in solchen kleinen, nein großen Momenten, Erlebnissen, Situationen, Geschehnissen.
 

Volly Tanner: Du sagst Du bist ein Herbstmensch. Was ist ein Herbstmensch?

Josephine Gadau: Ich weiß auch nicht so richtig, warum ich ein Herbstkind bin. Wenn ich mir eine Jahreszeit aussuchen müsste, dann wäre es der Herbst. Natürlich hat jede Jahreszeit ihre Vorzüge und es ist auch gut, dass es sie alle vier gibt. Aber ich liebe die warmen, bunten Farben der Blätter und Bäume, wenn die Sonne durch das Blätterdach scheint, Schatten wirft, der Wind durchs Haar weht, der Regen einsetzt und dich spüren lässt, dass du atmest, dass du lebst, dass alles endlich ist, aber dass das der Kreislauf des Lebens ist und alles ist richtig so. Der Herbst ist für mich eine Zeit des Besinnens, des Ankommens, der Geborgenheit, sich auf sich selbst und sein Herz zurück besinnen, gerade nach der sommerlichen, aktionsreichen Rumwuselzeit. Zurück zum Ursprung, zurück in das Innere.

Volly Tanner: Wenn Du – als Mutter, Handmadekünstlerin, Menschin & alles, was Du bist – die Möglichkeit hättest die Welt zu ändern – vielleicht sogar besser zu machen – was würdest Du verändern? Wie sehe dieser Planet aus, wenn Du ihn formen könntest?

Josephine Gadau: Ääähhhhhhh….. Volly.. was für ne krasse Frage, mein erster Impuls auf die Frage lautet eigentlich: diese Welt ist nicht zu retten, obwohl ich eigentlich überhaupt kein pessimistischer und negativer Mensch bin, aber ich verstehe so vieles an dieser Menschheit nicht. Alleine die Vorstellung, dass wir Atommüll produzieren, der Tausende von Jahren weiter strahlen wird – was bilden wir Menschen uns denn eigentlich ein, mit diesem Planeten machen zu dürfen???

Ich wüsste vor Schreck überhaupt nicht, wo ich beginnen würde, die Welt zu verändern…

Fängt ja schon damit an, dass Flüchtlinge sterben, weil die EU um ihre eigene Abschottung und den eigenen Wohlstand fürchtet und die Flüchtlingsboote (obwohl geortet und Kontaktaufnahme erfolgte) sich selbst überlassen werden und die Menschen, die soviel Hoffnung auf Europa projizierten, elendig verdursten, verhungern oder ertrinken. Wo bleibt da bitte die Verantwortung der Menschen für die Menschen??? Und das Schlimme daran ist, dass es viele Leute überhaupt nicht anhebt und interessiert, ob da Menschen sterben oder nicht, einfach weil eine eigene persönliche Betroffenheit nicht gegeben ist, dabei betrifft es uns doch – und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Es geht weiter damit, das weltweit genug Nahrungsmittel produziert werden, um alle Menschen dieser Erde zu ernähren und diese Überproduktion erschlägt mich. Ist doch unmöglich, erschreckend und widerwärtig, wenn wir vor dem Kühlregal stehen und uns nicht entscheiden können, welchen Joghurt wir möchten oder welcher am besten schmecken könnte und dennoch sterben tagtäglich unzählige Menschen an Hunger.

Dabei habe ich und haben wir, die Menschen der ersten Welt, doch einfach nur pures Glück gehabt, auf diesem Teil der Erde geboren zu sein. Wie krass ist es, dass ich in einer eigenen Wohnung leben kann, in der sich anderorts mehrere Familien zusammenpferchen, sofern sie überhaupt ein Dach über den Kopf haben und wenn ich mich dann an dieser Stelle selbst betrachte, wird mir schlecht über meinen eigenen, täglichen, selbstverständlichen Luxus. Und doch fühlen wir uns so oft unglücklich und jammern rum, dabei haben wir überhaupt gar keine existenziellen Nöte und Sorgen. Vielleicht macht uns der Konsum an sich selbst so unzufrieden und unglücklich.

Keine Ahnung, wie ich die Welt verändern würde – wir sind doch alle eins – sind alle Bewohner dieses Planeten, alles Geld dieser Welt in einen Topf geworfen und weltweit gerecht und fair verteilt. Ich denke auch, dass Waren und Dienstleistungen durchaus getauscht werden können. Ich glaube, dass jeder Mensch eine Gabe, Fähigkeit oder sonst irgendwas besitzt, was er in die Gemeinschaft einbringen kann. Der eine Mensch kann wundervoll Geschichten erzählen, der andere kocht gern und gut, der eine ist ein Organisationstalent, der andere näht oder töpfert, der eine kann ein Instrument spielen, der andere kann gut zuhören und sich empathisch in andere Menschen rein versetzen – was weiß ich. Und warum kann das nicht möglich sein, zu tauschen, ohne das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen??? Was ja meistens so ist, dass die Menschen Angst davor haben, übers Ohr gehauen zu werden. Und das Eine im Vergleich zu dem Anderen mehr wert ist, dabei würden doch alle voneinander profitieren und in einer humanitären, sozialen Gesellschaft gehört es für mich dazu, dass der „Stärkere“ den „Schwächeren“ trägt ohne dabei jetzt die Begriffe stark und schwach mit Wertungen besetzen zu wollen.

Die gesellschaftliche vermeintliche „Elite“ gehört abgeschafft. Was bilden sich Leute ein, sich über andere zu stellen und sich wertvoller zu fühlen als andere? Aber das betrifft ja auch den Bürger von nebenan, der sich Urteile über Menschen erlaubt, die er nicht kennt oder die nicht in sein engstirniges Weltbild passen und wie es mich ärgert (auch in meinem eigenen Umfeld) wenn Menschen ihre Kraft daraus ziehen, anderen Menschen unnötig weh zu tun, sie bewusst verletzen und Energie rauben, um ihr eigenes Selbst aufzubauen. Das ist für mich absolut nicht haltbar, wie kann man da noch in den Spiegel schauen? Da wären wir wieder bei der für mich obersten moralischen, ethischen Regel: Tue niemanden das an, was du nicht willst, was man dir antut – das ist eigentlich auf das gesamte Leben mit all seinen Facetten übertragbar… denk ich… denn um die Welt verändern zu können, muss der Einzelne bei sich selbst anfangen.

Volly Tanner: Gibt es mehr als Musik, Dein Kind & Arbeit? Gibt es eine spirituelle Variante Josephine? Und wenn ja, wie lebt diese sich aus?

Josephine Gadau: Ich bin schon davon überzeugt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und wissenschaftlich begreifen können. Irgendjemand hat mal gesagt, es gibt soviel Religionen auf der Welt, wie Menschen auf der Erde leben. Diese Vorstellung finde ich wundervoll. Dass jeder Einzelne seinen Blick auf die Welt oder seine eigene Spiritualität findet und das es auch in Ordnung so ist, solange die Rechte und Bedürfnisse anderer Menschen nicht beschnitten werden (was ja meistens das Hauptproblem ist). Ich habe mal ein halbes Jahr Praktikum in einer Sekten-Psychokult-Aufklärungsstelle gemacht und dabei einen durchaus kritischen Blick auf diverse esoterische Anbieter und spirituelle Bewegungen etc. bekommen und ich merke, wie sehr das in meinem Alltag Anwendung findet.

Wenn ich an meine eigene Spiritualität denke, muss ich auch wieder an meine Oma denken, die oft zu mir sagte: „Mein Heidenkind“… ja ich glaube meine Spiritualität finde ich am ehesten im Paganismus/Heidentum oder Naturreligionen, ohne jetzt an real existierende Gottheiten zu glauben. Ich denke, das sind eher Personifizierungen für Naturmächte, damit der Mensch es für sich besser greifbar machen kann. Spiritualität hat für mich ausschließlich was mit Glück und den eigenen Empfindungen zu tun, Spiritualität ist für mich Intuition. Das überirdische, innere, absolute JA zum Sein… ich will sein, statt gewesen zu sein… zu spüren, dass die Natur belebt und bewohnt ist. Und wenn ich im Wald sitze und die Sonne durch das Blätterdach blitzt, der Wind meine Haut streichelt, ich weichen Sand oder tau-nasses Gras unter meinen nackten Füßen spüre oder ich versunken zur Musik tanze, dann ist das für mich durchaus ein spirituelles Erlebnis. Wenn ein Gewitter aufkommt und in mir ein so tiefes, ehrfürchtiges, archaisches Ur-Gefühl auslöst, diese mächtigen Naturgewalten zu spüren, dass man eigentlich bedeutungslos für den Planeten und das Universum ist und das zu erkennen, macht mich überhaupt nicht traurig, sondern bewirkt in mir, noch mehr vom Leben kosten wollen.

Volly Tanner: Danke, Josephine – und alles Gute für Dich und Deine Tochter, inklusive all der Menschen, die Du magst.

http://de.dawanda.com/shop/endorphine

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Eine Antwort zu Ich will das Leben kosten! (das große Josephine Gadau Interview)

  1. Sebastian Vogelei schreibt:

    Authentisches Interview eines bewussten Kindes aus der Zeit der Wohlstandssättigung.
    (Es ist nicht einfach, Basis-Menschen-Werte aufrecht zu erhalten, ohne verblendet zu sein,
    wenn man Kind der antifunktionellen, grellen Poly-ästhetik-80er ist .. ‚lovely head‘ (portishead)..)
    Spirituell und doch sehr reflektiert bahngelenkt, bewegt sich das Interview zwischen Pragmatismus .. Hedonismus, Anspruch .. Andacht; ein gefühlter Grat zwischen Hippie
    und allzu verständlichem Yuppie, wobei potenziellen Yuppieallüren wenig Daseinsrecht
    eingeräumt und stets hinterfragt wird, ..ob diese wirklich zwingend benötigt werden.
    /// sympathetic /// three steps ahead!! /// credible and visionary without distortion ///
    just three things added:
    – wieviele menschen wissen dass sie leben? (jim morrison)
    – there’s no beauty only ugliness, there’s no glamour, only ghastly blemish (c.key (skinny puppy))
    – wir waren die blumen im müll… (normahl)

    zebb birdegg

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