Hätten wir auf Fördermittel gewartet, wären wir heute noch nicht fertig (Gabriele & Marc Hayes Interview)

auch für die Leipziger Internetzeitung:

Wer die Zukunft gestalten, das Heute begreifen will – der sollte das Gestern nicht verdrängen. Gabriele und Mark Hayes leben in Los Angeles und sind durch Deutschland gereist, um Menschen zu treffen und reden zu lassen. Übers Zusammensein in Deutschland 20 Jahre nach der Kittung. Faszinierend sind der liebevolle Blick und die Leichtfüßigkeit des fertigen Filmes, besonders, wenn man 2009/2010 fast erschlagen wurde von den Feierlichkeiten, Lichtfesten und anderen Politikerpräsentationen. Bei den Hayes reden aber Menschen. Menschen, wie Du und Ich und Markus aus München und Rosi aus Jena.

Volly Tanner traf sich auf Betreiben Matthias Tretters – des Kabarettisten – der im Film auch mit dabei ist, mit Gabriele und Mark im Neuen Schauspiel Leipzig und fragte die Fragen, die gestellt werden mussten:

 

 bytanner

 

Hallo Gabriele und Mark Hayes. Schön Euch zu treffen. Ihr bringt am 01. Juli 2011 in der Schaubühne Lindenfels Euren Film „One Germany – The Other Side Of The Wall“ zu den Menschen. Eine Sicht zweier Amerikaner – wobei Du, liebe Gabriele ja eigentlich Jenenserin bist – auf das Zusammenwachsen der beiden deutschen Teilstaaten, die in den Herzen immer noch abgegrenzt scheinen. Wie war Euer Eindruck von den Hiesigen und ihren Zuständen?

 

Wir waren immer noch erstaunt, dass verschiedene Menschen gesagt haben, dass es noch einen Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern gibt.  So waren wir in München und haben dort junge Leute befragt. Aber sie waren  noch nie in den neuen Bundesländern und haben auch kein Interesse  dorthin zu fahren. Das fanden wir wirklich interessant.  Es gibt auch noch Vorurteile.  Man spricht noch von typischen Ossis und Wessis.  

 

 

Unter anderem habt Ihr auch Stephan Krawczyk vor die Kamera bekommen. Eine leider viel zu leise gewordene Stimme. Warum finden solche Menschen im Bewusstsein der Öffentlichkeit eigentlich kaum noch statt?

 

Wir fanden es wirklich traurig, dass Liedermacher wie Stephan Krawczyk, ein ehemaliger Dissident, der gegen die ehemalige DDR kritische Songs geschrieben hat, heute kaum noch Interesse im Publikum finden.  Seine Songs haben wirklich einen tollen Inhalt wie zum Beispiel “Das ist nie gewesen”. Dagegen sind die Puhdys populär. Wir haben ihr ausverkauftes Konzert in der Wuhlheide auch gefilmt.  10.000 Leute waren da. 

 

 

Wie habt Ihr es geschafft, dass ja auch ganz unprominente Menschen frei von der Leber weg agierten? Gibt’s da ein Geheimnis?

 

Ein Geheimnis gibt es eigentlich nicht.  Wir haben nur gesagt, dass wir ein Team aus Los Angeles sind, das einen Dokumentarfilm über die Wiedervereinigung macht. Da haben die Leute irgendwie keine Angst gehabt zu sprechen.  Fanden wir toll.

 

 

Wie muss man sich die Finanzierung Eures Filmes vorstellen? Typisch staatliche Filmförderung in Richtung: egal was rauskommt, Hauptsache irgendein deutscher Seniorenschauspieler der ARD/ZDF macht mit?

 

Leider hatten wir überhaupt keine finanzielle Förderung.  Im Prinzip war kaum genug Zeit. Wir haben am 8. Juni 2010 mit dem Dreh angefangen und mussten den Film am 3.10. 2010 zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung für einen Fundraiser für das Wendemuseum (wendemuseum.org) in Los Angeles fertigstellen.  Das war wirklich eine sehr große Herausforderung. Vier Monate hatten wir nur. Dazu hinzu kommt, dass es noch Lücken gab und wir dann nochmal 2 Wochen im September nach Deutschland sind, um diese zu füllen. Im September konnten wir Dr. Joachim Gauck interviewen, da er leider die Präsidentschaftswahl verloren hatte. War aber gut für uns.  Er hat wirklich viel zu unserem Film beigetragen. 

So, hätten wir auf Förderungsmittel gewartet, wären wir heute noch nicht fertig. Es war ein Projekt aus dem Herzen heraus, da ich ehemalige Ostdeutsche bin.  Mein Mann und ich wollten es für das Wendemuseum machen. 

 

 

Ihr reist mit Eurem Film derzeit durch Deutschland, welche Stationen hattet Ihr schon und wo geht es denn noch hin? Wonach habt Ihr die Stationen ausgewählt? Wo hat es Euch am meisten berührt zu sein?

 

Wir hatten zwei ausverkaufte Vorführungen in Jena, meiner Heimatstadt. Unser Film wurde auch in Weimar, Erfurt und Berlin gezeigt. Die Vorführung im Babylon Mitte Berlin war toll, da die Gedenkstätte Hohenschönhausen Mitveranstalter war. Es kamen ca. 150 Leute.  Nach jeder Vorführung hatten wir eine Diskussion. Wir haben hauptsächlich die Städte herausgesucht, wo wir gedreht haben. Jena war emotional für uns, da so viele Leute gekommen sind. Wir freuen uns schon auf Leipzig, um zu sehen wie der Film dort ankommt.   

 

 

Ihr habt Euch beide vor der Wende in der DDR kennen und lieben gelernt. Wie kam das denn? Ich persönlich habe keinen einzigen Amerikaner damals live gesehen.

 

Mein Mann hat mich am 31. Juli 1985 beim Trampen von Weimar nach Jena mitgenommen.  Der Bus hatte Panne und ein paar junge Leute wollten einfach per Anhalter fahren.  Das war ja damals normal.  So hielt ein Minivan an und 6 von uns stiegen ein. Ich war die letzte, die ausstieg und Mark und sein Freund waren ganz erstaunt, dass ich Englisch konnte. Habe ja damals Englisch/Russisch studiert. So luden die beiden Amis mich zum Essen ein und so war das Schicksal. Sie waren nur auf Touristenbesuch. Nach vier abenteuerlichen Jahren durften wir heiraten und Ende Oktober 1989 ausreisen.

 

 

Mittlerweile lebt und arbeitet ihr in Los Angeles. Berührt deutsche Geschichte eigentlich auch Gegenwart in den U.S.A.?

 

Ja, in den großen Städten wie Los Angeles, Dallas und New York gibt es Interesse für deutsche Geschichte. Viele Deutsche leben auch in Los Angeles. Gerade letzes Jahr gab es viele Artikel, dass viele Deutsche wieder die Mauer haben wollen.  Das finden wir total Quatsch, aber das verkauft natürlich die Zeitungen. 

 

 

Wer im Film hat Euch am intensivsten beeindruckt und warum?

 

Wir waren wirklich von Dr. Joachim Gauck und Vize-Präsident Wolfgang Thierse beeindruckt.  Sie haben interessante Interviews gegeben, mit denen die Menschen sich identifizieren konnten.  

 

 

Werdet Ihr am 01. Juli in Leipzig sein und die Möglichkeit des Gesprächs bieten?

 

Ja, wir werden eine Diskussion nach der Filmvorführung machen und freuen uns schon darauf.   

 

 

Wie wünscht Ihr euch Deutschland in wiederrum 20 Jahren? Nicht mehr existent? Aufgegangen in einem gemeinsamen Europa? Geeint?

 

Wir sehen Deutschland in 20 Jahren geeint. Die junge Generation ist der Start. 

 

 

Danke für das äußerst charmante Gespräch.

 

One Germany – The Other Side Of The Wall; Schaubühne Lindenfels; Freitag; 01.07.11; 20:00 Uhr

http://www.onegermany.net

 

 

 

 

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