Liebe ist doch immer noch Liebe (Johannes Kirchberg Interview)

für die Leipziger Internetzeitung:

Am 21.05.2011 wäre Wolfgang Borchert 90 Jahre alt geworden. Geworden ist er jedoch nur 26. Was von ihm blieb lebt aber weit mehr, als in Sommer zu fassen wäre. Gedichte, Geschichten, Geschichte. Der ehemalige Leipziger Johannes Kirchberg hat sich Borcherts Werk angenähert und daraus wundervoll warme Lieder gemacht, da wo er jetzt lebt, da wo Wolfgang Borchert einst lebte – in Hamburg.

Und da sich vielen Kirchbergfreunden hierzulande ja schon immer die Frage stellte, warum der schlacksige Chansonier an die Elbe ging, wurde diese Frage von Volly Tanner natürlich auch gestellt. Im Kontext und under Anderen:

 

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Mit MEINE SEELE IST NOCH UNTERWEGS scheinst Du Deine Passion gefunden zu haben. Borcherttexte von Dir interpretiert – ich habe sie noch nie, wirklich noch nie, so einfühlsam gehört. Wie bist Du auf Borchert gestoßen?
Vielen Dank für das Kompliment. Borchertgedichte gehörten zu den ersten Texten, die ich vertont habe. Wiederentdeckt habe ich Borchert hier in Hamburg. Ich stand an einem Fleet und mir kam das Gedicht „Laternentraum“ in den Sinn. Naja, und dann habe ich zuhause im Gesamtwerk von Borchert geblättert und gedacht: Das gibt’s doch gar nicht!, die Gedichte haben mich in ihren Bann gezogen und fasziniert und ich hab mich hingesetzt und gesungen. Und vor Rührung geheult.
Ich wusste: das muss ich machen.

Da sind wir auch gleich bei einer anderen Frage – warum bist Du eigentlich aus Leipzig weg & nach Hamburg gegangen? Die Liebe? Die Karriere? Das Essen? Die Seemannsbräute?

Die Liebe hat mich weggezogen. Und der Verstand hat gesagt, wenn Du jetzt nicht gehst, gehst Du nie. Aber es hätte nicht jede Stadt geschafft, mich aus Leipzig wegzulocken. Dass es Hamburg war, machte es einfach, dass das Meer um die Ecke ist, hilft. Jetzt, nach 5 Jahren Hamburg, fühle ich mich auch angekommen hier. Über Seemannsbräute schweige ich mich hier in der Öffentlichkeit lieber aus.

Borchert zeigt uns in seinen Texten ja auch auf, was ein Mensch wirklich braucht & da sind keine Prinzessin Lillifee Rucksäcke oder wöchentlich neue Trends dabei, sondern Brot, Liebe und Frieden. Kommt so etwas heute an? Verstehen die Menschen die Größe der Texte?

Schwierig. Ich denke schon, dass die Menschen die Texte und die Substanz verstehen. Nur ist es nicht leicht, sie dazu zu bringen, zuzuhören. Bei Borchert denkt ja jeder an „draußen vor der Tür“ und den schwermütigen und todtraurigen Schriftsteller. An den Kriegsheimkehrer, der alles verloren hat. Das hält oft Veranstalter davon ab, mich einzuladen mit dem Programm. In meinem Borchert Abend lernt man aber auch den verliebten und witzigen Borchert kennen. Den jugendlichen Spinner und Träumer.
Liebe ist doch immer noch Liebe. Brot ist immer noch Brot. Und die Gefühle des jungen Borchert sind denen der jungen Menschen heute doch recht ähnlich. Ich habe mein Borchert Programm schon ein paar mal auch vor Schulklassen gespielt. Die Aufmerksamkeit der Schüler hat mich überrascht und gefreut.

Wird Borchert in seiner Heimat – Deiner neuen Heimat Hamburg – eigentlich gewürdigt?

Ja, schon, Er taucht immer mal wieder auf. Ganz aktuell läuft eine wahnsinnig gute Inszenierung von „Draußen vor der Tür“ am Thalia Theater. Wirklich sehr empfehlenswert. Immer ausverkauft und von vielen jungen Leuten besucht.
Ich bin mit meinem Abend eingeladen an die Hamburger Kammerspiele. Dort war die Uraufführung von „Draußen vor der Tür“.

Die Songs Deines Programms sind durchgängig von Dir komponiert. Wie hast Du Dir Borcherts Texte erarbeitet? Wie war der Prozess?

Lesen, fühlen, singen. Es war eigentlich wie bei allen Musiken, die ich mache. Wenn mich ein Text berührt, wenn die Sprache für mich singbar ist, dann kann ich das Gedicht vertonen. Die Sprache gibt die Musik vor. Ich habe einen guten Freund hier in Hamburg. Einen echten Hamburger. Und dem hab ich die ersten Vertonungen vorgespielt. Außerdem hab ich natürlich Briefe und Erzählungen gelesen. Mich mit der Biografie beschäftigt. Ich hab mal in der Nähe von Jena gespielt. Nach dem Programm kam ein alter Mann zu mir und zeigte sich tief bewegt. Er kannte Borchert nicht, war zufällig im Programm. Aber dann hat er erfahren, dass er mit Borchert in der selben Kompanie in Kassel Wilhelmshöhe war. Zur selben Zeit. Das hat ihn mit Borchert verbunden und der Abend war für ihn ein besonderes Erlebnis. Das bewegt mich.

Borchert ist nicht alt geworden. Gerade 26 Sommer durfte er erleben. Wer wäre er, wenn er heute noch atmen und leben dürfte? Was denkst Du? Wäre er desillusioniert oder kämpferisch?

Schwer zu sagen. Er war ja drauf und dran, berühmt zu werden. Da weiß man nicht immer, was aus Menschen wird. Ich denke, er wäre eher desillusioniert. Was ihn ja aber zu einem Kämpfer hätte machen können. Die Dinge zu sehen, wie sind und zu beschreiben ohne zu beschönigen, kann ja aufrütteln und die Welt verändern. Man weiß nicht viel von dem politischen Borchert. Er wurde zum Tode verurteilt wegen einer Parodie auf Goebbels. Die Eltern haben alle Briefe mit brisanten politischen Äußerungen vernichtet. Aus Angst, sie hätten entdeckt werden können.

Du bist Ensemblemitglied des Theaterschiffs Hamburg mittlerweile. Was ist das denn für ein Haus? Ein schwimmender Tingeltangelladen? Oder was macht ihr da alles so?

Das Theaterschiff ist ein mittlerweile 100 Jahre alter Kahn, liegt mitten in der Stadt und macht seit bestimmt 50 Jahren Theater. Also ein schwimmendes Haus mit Geschichte. Dort laufen Kabarettprogramme, literarische Inszenierungen und Gastspiele. Es gibt ein eigenes Ensemble und Hausproduktionen des künstlerischen Leiters Michael Frowin. Der Deutsche Chansonpreis wurde dort im letzten Jahr verliehen. Und ich bin engagiert für ein Erich Kästner Programm. Ich hab natürlich die Musik geliefert und spiele Klavier und schauspielere mit meinem Kollegen Frank Roder. Es sind weitere Stücke geplant im nächsten Jahr und ich spiele den Borchert dort im Herbst und mache die Hamburg Premiere meines neuen Programms dort.

Wie ists mit der Sehnsucht? Gibt’s manchmal Heimweh nach Leipzig? Und was machst Du dann?

Gibt’s, na klar. Nach den Freunden, nach der Stadt. Und wenns mir so geht, dann fahre ich hin. Ich arbeite ja viel mit Tom Reichel zusammen. Schon deshalb versuche ich, immer mal in Leipzig zu sein. Aber immer ist die Zeit zu knapp. Doch es ist schon schön zu sehen, wie sich die Heimatstadt verändert. Rein äußerlich.

Wann können wir Dich denn mal wieder im Heimathafen erleben?

Am 21. Oktober in der Auwaldstation Lützschena (www.fas-luetzschena.de) mit dem Borchert und am 20. Januar 2012 im Kabarett Sanftwut mit der Premiere meines neuen Klavierkabarett Programms.

Danke, Johannes.

Www.dermenschistgut.de

 

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