Die einfachen Antworten sind immer die Schlechtesten (Interview Frank Oberhof)

für BLITZ! DAS MAGAZIN geführt:

Geschichte ist nicht nur gut oder schlecht. Geschichte, darunter auch die Deutsche, braucht erinnern und Auseinandersetzung. Und Geschichte wird von Menschen gemacht. Menschen wiederrum können fehlbar sein, können Großes leisten – aber eben auch wanken und zweifeln. Die einfachen Antworten sind immer die Schlechtesten. Frank Oberhofs Liedertour hat sich das Dasein eines deutschen Intellektuellen – Albrecht Haushofers – angenommen. Und Musik daraus gemacht. Um Geschichte in den Diskurs zu bringen:

 by vt

BLITZ!: Hallo Frank. Im Anker präsentiert ihr die HAUSHOFER-HOMMAGE-CD. Geschichte in Grautönen, nicht nur schwarz und weiß, sondern menschlich ambivalent. Per Edelmann hat die Texte herausgesucht. Was waren Eure Prämissen? Wie kann an Haushofers Geschichte Geschichte erlebbar werden?

Frank Oberhof: Der im April 1945 durch die SS ermordete Albrecht Haushofer schrieb während seiner halbjährigen Haftzeit im Berliner Zellengefängnis Lehrter Straße in der Erwartung, dieses nicht lebend zu verlassen, 80 Gedichte, die 1946 posthum als „Moabiter Sonette“ veröffentlicht wurden. Die 12 für unser Songprojekt ausgewählten Texte spiegeln konzentriert und chronologisch sein politisches und persönliches Vermächtnis wider. Dabei greifen unsere bevorzugten Opfer-Täter-Klischees in seinem Fall nicht, denn als katholisch geprägter Konservativer im besten Sinne stand Haushofer den Nationalsozialisten unkritisch gegenüber und unterstützte das System bis zu seiner Verhaftung im Zusammenhang mit den Ereignissen um den 20. Juli 1944 durch seine Tätigkeit im Auswärtigen Amt. Die Tragik des Einzelschicksals Haushofer macht das Scheitern des gesamten deutschen Volkes nachvollziehbar.

 

BLITZ!: Wie war Haushofer?

Frank Oberhof: Vom Vater im Geiste strenger Werte erzogen, prägte die Mutter seine musischen Neigungen und seine Sensibilität. Haushofers geistige Überlegenheit machte ihn bereits in seiner Jugend zum Einzelgänger und Außenseiter. Auf die Frage nach seinem Berufswunsch antwortete das Kind Albrecht wie selbstverständlich: Außenminister! Ein enger Freund beschrieb den Jugendlichen bezeichnend: Wenn alle anderen die Straße benutzten, lief Albrecht auf dem Fußweg.

 

BLITZ!: Diese Zeit ist nur begreifbar in Respekt vor Menschen. Der Wandel Haushofers und seine Brüche – was trieb ihn? Loyalität? Patriotismus? Nationalismus? Intellektualismus? Katholizismus?

Frank Oberhof: Sein Bewusstsein! Die permanente innere Auseinandersetzung zwischen Loyalität und Wahrheitsanspruch, mit der letzten Konsequenz des bewusst erlebten eigenen Endes.

 

BLITZ!: Haushofer war ja, neben seiner beruflichen Karriere, auch und vor allem Mensch. Gibt es da eine private Ebene?

Frank Oberhof: Wir haben Albrecht Haushofer vor allem als Intellektuellen mit überragendem Wissen, großer Weltkenntnis und seinen ganz persönlichen Gedanken erfahren. Unter allen Texten der „Moabiter Sonette“ ist dabei „Traumgesicht“ das persönlichste Gedicht, in dem Haushofer seiner wohl einzigen und zudem unerfüllten Liebe nachtrauert. Die junge Schweizer Journalistin Annemarie Schwarzenbach fühlte sich dem hochintelligenten und charismatischen Professor für politische Geographie seelenverwandt, war aber körperlich eher Frauen zugeneigt. Obwohl sie bereits 1942 34-jährig an den Folgen langanhaltender Drogensucht verstarb, widmete er ihr das einzige Liebesgedicht. Wir versuchen mit der Hommage Haushofer politisch und privat in all seinen menschlichen Facetten und Widersprüchlichkeiten darzustellen.

 

BLITZ!: Wie wollt Ihr das Alles konzeptionell im ANKER herüberbringen? Ein Rockkonzert mit tanzenden Massen scheint dem Anlass doch zu widersprechen.

Frank Oberhof: Bei der musikalischen Umsetzung der Texte setzen wir vor allem auf die Emotionalität unserer Musik. REVISION-Frontmann Francis D.D. String und den Musikern der Liedertour gelangen spannende, berührende und zeitlos schöne Akustiksongs, die die angemessene Stimmung der literarischen Vorlage berücksichtigen, die über 65 Jahre alten Texte gegen das Vergessen aber hochaktuell erscheinen lassen. Während der Songs werden die Sonette in ihrer Originalfassung auf einer Leinwand eingeblendet. Alle an der CD-Produktion beteiligten Gastmusiker und –Interpreten wie Dirk Zöllner, Manfred Maurenbrecher, Jörg Kokott u.a. werden auch bei der Live-Premiere am 17. Mai im für 200 Zuschauer bestuhlten ANKER mitwirken.
 
Francis D.D. String & Die Liedertour

Albrecht Haushofer Hommage

www.liedertour.de

 

Text & Bild: Volly Tanner

 

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