Dann gibt es noch Liebe, Hass, Zweifel und Verrat (Interview Johannes Gabriel)

dieser Beitrag erschien schon in der Leipziger Internetzeitung:

Der in Leipzig geborene Schauspieler und Sprecher Johannes Gabriel ist Mordred – finster und verschlagen und dann auch noch der, der den guten König Artus verrät. Besonders in diesem Sommer. Und in Leipzig von Mittwoch, den 06.Juli allabendlich bis zum 14.Juli vor dem Völkerschlachtdenkmal. Da gibt es für die Freunde Merlins, der Tafelrunde und Artus Ritter Sommertheater – Merlin oder Das wüste Land, von Tankred Dorst in einer Ko-Produktion der Schaustelle Halle, Ebeling & Koll. Leipzig und dem Künstlerhaus Kannawurf. Und da Johannes gern mal über die Karl-Heine-Straße schlendert, um im Delikatessenhaus Kunst zu fassen, fiel er Tanner förmlich ins Diktiergerät. Hier sind seine Auslassungen festgehalten:

 johannes by vt

 

Hallo Johannes. Du bist ein bekanntes Filmgesicht. Tatort, Hallo Robbie – aber auch richtige Filme, sowie Großproduktionen im tiefsten Russland en masse pflastern Deinen Weg. Diesen Sommer gibt’s Dich als Bösling in Tankred Dorsts Merlin oder Das wüste Land vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal. Schon aufgeregt? Geht die Muffe? Schließlich heißt Sommertheater ja auch sofortiger Publikumskontakt.

Die Aufregung kommt immer kurz vor der Vorstellung. Da kann es schon mal passieren dass man sich fragt, warum man ausgerechnet diesen Beruf gewählt hat. Sobald das Stück aber läuft ist alles wie vergessen und die Antwort auf jene Frage erhält man beim Applaus. Besonders beim Sommertheater, wenn man an einem lauen Abend das Publikum (wie ich hoffe, sehr gut!) unterhalten hat, ist eine ganz besondere Stimmung zu spüren, die einen die Welt umarmen lässt.

Das Thema Merlin wurde ja schon des Öfteren bearbeitet – bis hin zum Merlin-Musical, einer gar schröcklichen Krawallshow in der Arena. Gibt’s bei Euch auch einfach nur Effekt auf Effekt? Oder gibt’s Hintersinn? Tankred Dorst ist ja nicht unbedingt Mario Barth.

Der MERLIN von Tankred Dorst kommt als ein apokalyptisches Untergangsszenario von Weltrang daher, ein „dramatisches Emblem der gesamten Kultur-, ja Menschheitsentwicklung“! Unser Problem bestand also eher darin, all diesen Hintersinn auf einer humorvollen Basis nicht allzu ernst zu nehmen. Wir möchten keine ausweglose Tragödie erzählen. Wir mussten aus diesem großen Epos auch ganze Erzählstränge herausnehmen, wie etwa die Geschichte Parzivals. Aber ich denke, wir sind nun bei einer Fassung angekommen, die immer noch viele Fragen stellt, aber durchaus auch sehr unterhaltsam mit den Augen zwinkert.

Dorsts Merlin hatte 1981 – noch während des Kalten Krieges – Uraufführung in Düsseldorf. Was kann das Stück uns heute noch sagen. Sind die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht völlig anders? Die Tafelrunde war der Versuch einer neuen und gerechteren Gesellschaftsordnung – leider scheiterte der Versuch. Woran jedoch? & sind die Gründe des Scheiterns auf Heute übertragbar, Deiner Meinung nach?

Für uns im Osten sind die Verhältnisse natürlich völlig anders. Wir sind jetzt in der Demokratie angekommen, was Churchill als die „schlechteste Staatsform – außer alle anderen!“ bezeichnete. Aber auch die Tafelrunde – der berühmte runde Tisch, von dem es gerade zu Wendezeiten so viele gab – kommt an ihre Grenzen. Das ist höchst aktuell! Wir haben viele ungeklärt Fragen, befinden uns im Krieg, haben mit Partikulärinteressen zu kämpfen, die am Gemeinwesen zerren, Lobbyisten und Gewinnler, Arme und Reiche, große Verteilungsprobleme. Das war 1981 im Westen nicht anders. Und dann gibt es noch Liebe, Hass, Zweifel und Verrat – das ist zeitlos!

Euer Merlin ist eine wohltuende Kooperation zwischen Halle und Leipzig. Wie war die Zusammenarbeit?

Eine Wohltat! Wir kannten und schätzten uns schon vorher als Kollegen, hatten aber bisher keine Gelegenheit zu einer konkreten Zusammenarbeit. Und es zeigt sich wieder einmal deutlich, wie anregend es sein kann, mal über den Tellerrand zu schauen, sich auf neue Optionen einzulassen. Die Schaustelle ist ja eine feste Institution in Halle. Wir Leipziger sind u.a. in der Theaterturbine schon in einem Boot. Im Nachhinein kann ich gar nicht verstehen, warum es erst jetzt zu dieser Kooperation kam. Und ich hoffe und denke, dass dies auf jeden Fall nicht das letzte Mal sein wird. Da hat sich eine Tür geöffnet, hinter der ein großes Potential lauert!

Im Sommer bricht der Kultur- und Theaterkalender der Stadt ja förmlich aus allen Fugen. Warum aber sollten die Menschen gerade zu Euren Aufführungen ans Völkerschlachtdenkmal kommen?

Ich denke, dass besonders die Aufführungsorte, an denen wir spielen – besonders in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal – so phänomenal sind, dass das schon für einen Besuch reicht. Im Hintergrund der Teich und über der Bühne der Erzengel Michael und das berühmte GOTT MIT UNS!
Ich kann auch nur wärmstens meine hervorragenden Kollegen ins Spiel bringen, mit denen ich zusammen arbeiten darf. Phantastische Schauspieler, die sich mit Lust, Humor und Kraft in die Arbeit stürzen. Und unseren Regisseur Stefan Ebeling, der es geschafft hat, einen Zauber zu entwickeln, dem man sich nur schwer entziehen kann – wenn man denn da war…

Und was folgt? Geht’s nach Merlin wieder nach Russland? Als Darsteller des „guten Deutschen“ scheinst Du ja prädestiniert. Obwohl – in Merlin bist Du ja der Böse – aber ein böser Angelsachse eben …

Ja, die Zukunft – die ist offen! Aus Russland habe ich noch keine konkrete Anfrage (auch wenn der Buschfunk klingt, als würde es mit einer dritten Staffel weitergehen). Nach wie vor arbeite ich in meinem MonophonStudio an der Produktion von Hörbüchern, Kurzgeschichten und Audio-Guides. Da hat sich gerade durch die viele Proben schon ein Häufchen angesammelt, an das ich dann mal ran muss und die Theaterturbine, bei der ich ja zum Ensemble gehöre, wird ja auch immer vielfältiger mit ihren Angeboten in Leipzig: MB, NATO, Tangomanie etc.

Danke, Johannes, für das Gespräch.

 

www.schaustelle-halle.de

 

 

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