Eine gute Zeit für Liebhaber (Interview & Portrait Lu Potemka)

geschrieben & geführt für FRIZZ LEIPZIG:

Häuserzeilen, ununterbrochen von Lücken. Wie vollständige Gebisse, nur alt und verbraucht, nikotingelb und bröselnd. Gegenüber eine Frau in Dederon, die sich aus einem Fester lehnt und stundenlang Mauern starrt.

Ein leichter Hauch von Hundekot statt Frühlingsblumen, an der nächsten Straßenecke Alkoholisten. Am Ende der Konsumismus-Evolution ist Wanken und Fallen. Hier treffe ich Lu Potemka vor ihrer Galerie. Drin blättert ein junger Zauselbart in Katalogen – wahrscheinlich muss er noch lernen, doch lernen müssen wir alle noch.

Im Januar gabs Aufregung um Marcel Walldorf und seine Skulptur „Pinkel-Petra“ – eine Polizistin beim Wasserlassen. Die Großbuchstabenpresse schrie und zeterte: „Ist das wirklich Kunst?“. Nun sind die Wogen geglättet, der normale tägliche Betrieb hat Lu im Griff und an den Wänden hängen Rayk Goetzes Großformate – Beinarbeit – Muskeln und Formen und Farben – für Sammler aus der Schweiz und von Anderswo.

Der Leipziger Westen ist nicht überall hipp und trendy. Bei Lu Potemka ist der Westen einfach Leben.

Zum Nachhaken, zum Neugierde bewahren. Und für ein Glas stilles Wasser, wo sonst Sekt gereicht wird.

 lu by vt

Wie gestaltet sich die Arbeit nach dem Hype, Frau Potemka?

 Ich kenne nur die Zeit nach dem Hype.

 

Was macht eine Galeristin heutzutage eigentlich? Sekt verteilen? Künstler umschmeicheln? Wo aber ist der harte Job?

 Natürlich gibt es Prozesse rund um den Ausstellungsablauf, die Ausstellungskonzeption, das Kuratieren … und den größten Teil der Arbeit nehmen die Kommunikation und die Vermittlung ein. Aber am wichtigsten ist es, sich das Verknalltsein in die Kunst  zu bewahren.

Wenn man die Kunst nicht liebt, dann bleibt man langfristig auch nicht in der Kunst-Sphäre.

 

Warum ist Leipziger Malerei immer noch interessant und zu vermitteln? Ist der Kunstzug nicht schon weitergefahren? Was macht es hier so heiß?

 Der Abgesang läuft ja schon seit Beginn des Hypes und länger: Für das Ende der „Malerei im Allgemeinen“ hat man einfach nur die Abwärtskurve der „Malerei aus Leipzig“ eingesetzt. Mir hat jüngst eine Journalistin der New York Times gesagt, dass Leipzig immer noch unter den Top Ten der angesagten Kunstorte weltweit in New York gilt und auch so gerankt wird.

Mir kommt es manchmal so vor, dass der Gesang, je mehr man sich Deutschland und Leipzig nähert, immer lauter wird. Natürlich sind die Spekulanten weg, aber doch nicht die Liebhaber der Malerei. Leipzig hat die Kunstwelt gerockt und hat gezeigt, was bei dem zur Schau gestellten „all is possible“ noch so alles möglich ist. Dass nicht alle Wege zu Derrida und Foucault führen, sondern Kunst auch eine unmittelbar erfassbare Sinnlichkeit repräsentieren kann. Diese Sinnlichkeit hat ein sehr enges Korsett gesprengt. Es geht jetzt unabhängig vom Medium und dem Grad der Abstraktheit mehr darum, wie eigenständig und authentisch ein künstlerisches Werk ist.

 

Am 03.Juni ist Vernissage zu Sophie von Stillfrieds Werken. Was bekommt der interessierte Mensch zu sehen? Was oder wer ist SvS?

 Sophie von Stillfried war Meisterschülerin von Arno Rink und ist so die Malerin unter der Gürtellinie. Gesichter spielen keine Rolle.

Ihr Blick ist absolut, sehr voyeuristisch auf das Geschlecht gelenkt, aber die Erwartung wird nicht eingelöst.

Es bleibt bei einer Verheißung. „Nachtigallen“ heißt die Ausstellung und zu sehen sind ausschließlich Frauenkörper, wobei die geschlechtliche Identifikation zum Teil offen bleibt. Sie arbeitet sehr exzessiv mit Eindeutigkeit und Uneindeutigkeit. Sichtbarkeit und Verhüllung.

 

Gibt es noch eine Lu neben der Galerie? Die Gerüchteküche lässt ja gerade brodeln, dass aus Ihren Fingern ein Buch zu Neo Rauch in Tasten geflossen wär? Was ist denn da dran?

 Das Skript ist im Wesentlichen während der Hypephase entstanden. Aber etwas hielt mich zurück, es herauszubringen. Im Augenblick schreibe ich wieder daran, der Zeitpunkt der Veröffentlichung steht allerdings noch nicht fest.

 

Danke…

 

Galerie POTEMKA; Potemka Contemporary Art, Aurelienstraße 41

www.potemka.de

Text & Bild: Shevek Walden (Volly Tanner)

 

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