Aufbrezeln, zum Zwecke der Erotik (Interview Ulrike Zeitz – Spitzbuben)

gab es schon im FRIZZ LEIPZIG & Shevek Walden ist Volly Tanner:

Manchmal flattert einem Journalisten ein Flyer entgegen. Manchmal macht solch ein Flyer neugierig. Bei Shevek Walden war es ein Flyer mit drei bezaubernden jungen Damen drauf. Eine war erreichbar – Ulrike Zeitz – und Shevek klemmte sich sofort fragend an sie dran:

zeitz by vt 

Guten Tag, Frau Zeitz. Mit Viola Robakowski und Maryna Dorf bestreiten Sie den Chansonabend „Spitzbuben“. Damit gabs sogar schon internationale Verpflichtungen – wie beim Brechtfestival im niederländischen Deventer. Was kann 20ger-Jahre-Chanson heute vermittleln? Zwischen Elektrotrash und DSDS ein bisschen Substanz?
 Substanz ist ein gutes Stichwort! Diesen Liedern wohnt etwas Wesentliches inne, das schon fast ein Jahrhundert standhält zwischen Mode und Zeitgeist, und deshalb den Blick auf das Wesentliche schärfen kann. Und das mit einem dermaßen direkten, freigeistigen und humorvollen Ton! Viele unserer Zuschauer glauben, wir würden die Texte adaptieren, damit sie der heutigen Zeit entsprechen, aber das müssen wir gar nicht! In dem Chanson „Wegen Emil seiner unanständ´gen Lust“ geht es tatsächlich um eine Frau, die sich auf Anraten ihres Ehemanns durch Schönheitsoperationen generalsanieren soll. Ein heutiges Thema – geschrieben 1929! Und ehrlich: In Sachen Liebe verändert sich die Welt nicht so stark wie alle tun.
Drei schöne Frauen mit Grazie und Charme auf der Bühne. Kommt das Publikum wegen ihnen oder wegen dem Programm – Augen- Ohren- und Geistesschmaus?
 Schön?! Sie sollten uns mal kurz nach dem Aufstehen sehen! Duschen und Anmalen hilft eben doch… Im Ernst: Ich finde wichtig, das man das Substanzielle des Theaters nicht reduziert, das heißt, das man keinen Aspekt vernachlässigt, erst recht nicht den optischen! Theater muss man doch mit allen Sinnen erleben können! Und da wir bei „Spitzbuben“ nun mal drei junge Frauen in der Balz darstellen, spielt das „Aufbrezeln“ zum Zwecke der Erotik eine entscheidende Rolle. Aber natürlich ist uns die musikalische Qualität, die ganze nonverbale Ebene, die Sprache des Körpers, die Inszenierung der verflochtenen Lieder und der Kontakt zum Publikum sehr wichtig, nicht nur, ob die Wimperntusche sitzt… „Grazie und Charme“ übrigens freut mich sehr und lasse ich einfach mal so stehen!…

In „Spitzbuben“ beschreiben Sie die weibliche Sicht aufs mitmenschliche Durcheinander. Gibt es eine Lösung oder lebt unsere Spezies nicht gerade vom Kuddelmuddel zwischen den Geschlechtern?
 Wenn es um Lösung gehen soll, löst man wohl am besten die Beziehung! Kuddelmuddel kann helfen, den anderen immer wieder neu verstehen zu wollen und ihn nicht als vertrautes Mobiliar des eigenen Lebens zu empfinden, das einen manchmal auf – aber selten anregt… Aber aus zu viel Kuddelmuddel wird schon mal Tohuwabohu, das Schaden anrichten kann. Gilt es zu vermeiden, finde ich. Wenn ich jetzt zu viel antworte, nehme ich ja unser Programm vorweg… Kommen Sie am 25. Mai zu „Spitzbuben“, wenn sie mehr wissen wollen!

In Nürnberg waren Sie beim Dürer-Chor und traten mit den Nürnberger Symphonikern auf. In Burghausen waren Sie Teil der Athanor Swing Sisters. Nun ist Leipzig Lebensmittelpunkt mit Kind und Kegel. Wars nur die Liebe, die herzog? Oder ist Leipzig nicht auch guter Heimatpunkt für Weitreisende in Sachen Kunst und Kultur?
 Erst mal: Vornehmlich bin ich ja Schauspielerin und in Nürnberg war meine wichtigste Station sicher das „thevo“. Mit diesem Forumtheater bin ich auf Tour gewesen, übrigens erstaunlich oft im Raum Döbeln und Oschatz. Leipzig war mir vom Vorsprechen und als Zwischenstop auf dem Weg nach Berlin schon als kulturell aktive Stadt aufgefallen. Allein die Anzahl der Kabaretts in der Innenstadt, wo sonst in Deutschland findet man das? Eine tolle Offtheaterszene, außergewöhnliche Spielorte wie das Werk 2, die Moritzbastei, oder die Kulturinsel „Vineta“. Von der Kneipenszenerie ganz zu schweigen! Auch die Vielfältigkeit der Leipziger Bürger empfinde ich als anregend. Selbstbewusste Arbeiter und stolzes Bürgertum neben Progressiven, Bohemiens und Lebenskünstlern, eine aktive Jugendszene, Studenten und – mir echt wichtig – auf einen guten Döner muss ich auch nicht verzichten! Ich habe viel Glück im Leben, dazu gehört auch, dass mich die Liebe nach Leipzig verschlagen hat.

Sie geben auch Unterricht und moderieren Veranstaltungen. Vielseitigkeit ist heut ja auch zwingende Grundkompetenz im kulturellen Sektor. Wo schlägt Ihr Herz aber besonders kräftig? Wo möchten Sie ihr Boot hinsteuern?
 Das touren mit „Spitzbuben“ macht mir große Freude. Auf der Bühne zu Singen und mit dem Publikum zu kommunizieren erlebe ich als befreiend und beglückend. Aber, ja, es gibt da eine Sehnsucht, sich einmal wieder ganz in einer Rolle zu versenken, Pause zu machen vom „Ich“, eine völlig andere Innenansicht eines Menschen zu erarbeiten, ihn in außergewöhnliche Versuchsanordnungen des Menschlichen zu stellen, sprich: Schauspielen! Am liebsten: Theater und Film. Theater wegen der Magie des Unmittelbaren, jetzt oder nie! Und Film wegen der Möglichkeit, völlig subtil darzustellen, was einen Menschen bewegt.

z by vt

Ihre Sicht auf die Leipziger Kleinkunstszene, sie, die sie von draußen kommen und schon einige Orte bespielt haben. Wo haperts in „Boom-Town“ kulturell, wo ist – Ihrer Meinung nach – in Leipzig der Hund verreckt? Kann ja nicht alles Gold sein, was glänzt.
 Wahrscheinlich fehlt mir da noch der tiefe Einblick, um das benennen zu können, denn sicher gibt es noch Baustellen, wie überall. Auf mich wirkt das alles sehr gesund. Vielfältig, mit unterschiedlichsten Ausrichtungen. Klar gefällt mir persönlich das eine besser als das andere, aber darum kann es ja trotzdem anderen etwas geben. Haben Sie Friedhelm Eberle in „Das letzte Band“ in der Moritzbastei gesehen? Der Wahnsinn. Das finde ich besonders in Leipzig: Diese Bandbreite der Kleinkunstangebote, zwischen Cammertheater und Burleske-Show, politischem Cabaret, musikalischem Revuetheater, Poetry-Slam und Liedermachern. Ist doch toll, was soll ich meckern.

Sie sind ja auch Mutter eines fast zweijährigen Sohnes. Klappt da alles mit der Unterstützung hier. Fühlen Sie sich, als junge Mutter in Leipzig – einer Stadt, die sich den Stempel Familienstadt selber aufgedrückt hat – wohl?
 Absolut! Ob das die Dichte und Ausstattung der Spielplätze ist, der Elternbrief des Jugendamtes (den ich anfangs für überflüssige Altpapierproduktion gehalten habe…), die finanzielle Unterstützung bei der Kinderbetreuung (in Nürnberg kostet ein Kitaplatz das Doppelte!), Angebote für Kinder wie der Connewitzer Wildpark, Aktionen im Grassimuseum, und und und! Aber am allerwichtigsten: Die generelle Kinderfreundlichkeit der Menschen.

 www.myspace.com/chansonabend

Spitzbuben, 25.05.11; Revue-Theater Am Palmengarten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s