Körperflüssigkeiten über 300 Seiten verteilen (Interview CHRISTIAN VON ASTER)

dieser Beitrag erschien schon in der Leipziger Internetzeitung

Das wahrhaft Angenehme am Journalistenleben ist, dass man wahrhaft wahrhaftige Schaffende und Gestaltende immer wieder trifft. Die Klugscheißer und S´-Maul-Aufreißer kommen und verschwinden – aber die Stetigen sitzen immer mal wieder mit dem Glas in der Hand gegenüber.

Christian von Aster: Filmemacher, Büchermacher, Geschichtenmacher und Wegbeschreiter, Fast-Neu-Leipziger und Unikum ist solch ein Mensch, den es immer wieder an Tanners Seite drückt. Grund natürlich zu reden und Interview zu erhalten. Hier – in der L-IZ:

Mensch Christian, Literat, Regisseur, Theatermacher, Schauspieler – was denn noch? Hast Du keine Freunde, mit denen Du einfach mal trunken um die Häuser ziehen kannst?

Eben da, mein lieber Herr Tanner, liegt ja der sprichwörtliche Hase im Pfeffer. Kaum, dass ich mal mit irgendjemandem rein freundschaftlich ein Kaltgetränk nehmen will, plane ich mit eben jener Person von einem Moment auf den anderen plötzlich den nächsten Film, das 22. Leipziger Graveyard Golfing oder die Ausweitung der Konsumschutzgebiete. Es ist vertrackt. Augenscheinlich scheine ich eine Art Allergie gegen rein private Vergnügungen zu haben, worunter ich allerdings weniger leide als mein Umfeld, woraus man allerdings womöglich auch wieder ein Buch machen könnte … Aber mal ganz davon abgesehen, meinst du nicht, dass sich aus diesem Interview vielleicht ein Musical machen ließe?
Neinnein, ich bin ja froh ob Deiner Arbeitswut, Deiner Schaffenskraft. Berge von Büchern pflastern Deinen Weg – und das ist auch gut so. Woran schreibst Du denn gerade und um was geht’s denn dabei?

 HvA by corwin

Neben der Musicalversion dieses Interviews sitze ich gerade an der Überarbeitung meines neuen Romans, der im Herbst bei Klett-Cotta erscheinen wird, worauf ich sehr stolz bin. Schließlich ist dieses Verlagshaus ja irgendwie der Rolls Royce der Phantastik in Deutschland. In dem Buch geht es darum, dass das Gleichgewicht der Dinge ins Wanken gerät und die Schatten kurz davor stehen sich gegen ihre Herren aufzulehnen. Als dann ein Mädchen ohne Schatten und ein Knabe, der die Sprache der Schatten versteht, geboren werden, gerät die rationale Welt aus den Fugen. Es gibt richtig Ärger, den Schatten eines Engels, alchemistische Verschwörungen und einen übellaunigen Schatten, der weder vom Leser noch den Menschen an sich allzu viel hält…
Außerdem bin ich gerade aber auch noch dabei, einige neue Querfurter Legenden zu illustrieren, die in dem Buch erscheinen werden, welches ich dort als Burgschreiber verfassen durfte. Und da finden sich neben Kardinal Albrecht der Teufel, der Tod, ein Narr namens Honigbuckel und natürlich der Esel des Heiligen Brun.

Das Besondere an Deiner Schreibe ist ja der satirische Blick in die Abgründe. Auf Gebirge von Vampirgeschichten machst Du sozusagen den Schneeklecks Lachen. Der Massenleser jedoch, der die Hitparaden glaubt, kommt sich von Dir verhonepiepelt vor. Muss das so sein?

Ich mag es, den Humor und den Widersinn hinter den Dingen aufzuzeigen.
Das ist meine Art zu schreiben und ich möchte mögen was ich mache. Ich bin letzten Endes ein literarischer Hedonist. Hitparodie statt Hitparade. Dort bekommt man literarische Lightshows und Spezialeffekte, die Lebensbeichten 14jähriger Nymphomaninnen, Betroffenheitsgeseier oder die tabulosen Geständnisse 40jährige Frauen, die von ihren 18jährigen Liebhabern schreiben. Dieser Tage setzt der Buchmarkt verstärkt auf Schockieren, Vorurteile bestätigen und Körperflüssigkeiten über 300 Seiten verteilen. Aber auch wenn ich gegebenenfalls mit Körperflüssigkeiten noch dienen könnte, fehlt mir da irgendwie das Talent. Ich möchte etwas anderes stimulieren, erstaunen und inspirieren, ohne dabei zu zeigefingern. Meine Leser sind dementsprechend nicht allzu viele, von denen ich aber mit Sicherheit behaupten kann, dass jeder von ihnen sich seine Schuhe noch selber zumachen kann. Und ich spreche hier nicht von Klettverschlüssen.

Nebenher tourst Du wie ein Wilder. Wie hälst Du Dich dabei jedoch gesund. Teufel Alkohol wartet doch auf so mancher Lesebühne.

Hielte ich mich tatsächlich gesund, wäre es mir eine Freude, diese Frage sinnreich zu beantworten. Besagten Teufel treffe ich allerdings mitunter tatsächlich hinter der Bühne und habe mit seiner Hilfe im Lauf der vergangenen Jahre eine sehr wirkungsvolle Tour-Diät entwickelt, deren zentrale Elemente Schlafentzug, Gin Tonic, Kopfschmerztabletten und das Fluchen auf bahnhofsübliches Fastfood. Gegenwärtig werte ich die längerfristigen Ergebnisse aus und suche nach einem Weg, das Ganze sinnvoll zu vermarkten. Ich arbeite gegenwärtig an einem DVD Leitfaden, für den ich deutschlandweit morgens nach Lesungen auf Bahnhöfen mit dickem Kopf vor Burgerbratereien fluche.

Gibt’s ein Metier, welches Dich reizt und noch nicht von Dir begraben wurde?

Hach, das ist aber mal eine schöne Frage. Für mich jedenfalls. Denn während ich mich um eine geistreiche Antwort mit einem erklecklich Maß an Heiterkeit bemühe, fällt mir auf, dass es ein solches Metier eigentlich nicht gibt. Das liest sich nur auf den ersten Blick traurig.
Tatsächlich nämlich erinnert mich diese Frage daran, dass ich seit Jahren schon die unglaubliche Freiheit besitze, allen Dingen nachzugehen, die mich wirklich interessieren. Und die Menschen in meinem Umfeld, Fotografen, Filmleute, Maler, Bildhauer, Schauspieler, Musiker, Kabarettisten, Tierärzte, Schokoladenfeen und Kneiper, lassen mich an ihren Leben teilhaben und in ihren Metiers wildern, wenn ich nach neuem giere. Irgendwie geht’s mir wirklich gut. Es braucht manchmal scheinbar die richtige Frage, um sich daran wieder mal zu erinnern.

Wie stehts aber mit der „Starken Frau“ hinter dem Erfolgreichen? Gibt’s diese? Und wenn ja, ist sie eher der Typ Peitsche oder Dederonschürze?

Die meisten wollen mich doch ohnehin nur wegen meines Namens heiraten.
Eine bittere Erfahrung, über dich ungern rede.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz im literarischen Boygroupgeschäft, dass man darüber nicht redet. Genau genommen dürfte ich nicht einmal eingestehen, heterosexuell zu sein, um gleichgeschlechtlich orientierte Fans nicht zu verschrecken. Offiziell bin ich noch unberührt, hatte noch nie eine Freundin und bin manchmal total einsam. Dieser Zustand gewährleistet, dass Leser, die sich lange schon nicht mehr für das was ich schreibe interessieren, mich zumindest vielleicht noch heiraten wollen und darum manchmal noch ein Buch kaufen …

Wohin treibts Dich als Nächstes oder ist Leipzig die Traumkulisse für Deinen Lebensfilm?

Wie eh und je treibt es mich auch demnächst wieder ein wenig zu mir. Das ist erstaunlich oft mit Leipzig verbunden, wuchert aber auch manchmal unkontrolliert in andere Gefilde. Als nächste schaue ich erst einmal mit dem Zelt ein wenig auf Korsika vorbei, was da so von mir so zu finden ist. Danach mische ich das mit Hamburg und Berlin, bis im Herbst eine größere Portion Schweiz einzurühren gedenke. Aber ich gehe davon aus, dass irgendetwas mich zwischendurch irgendwie auch noch irgendwo anders hinlocken wird.

Mit knapp über 35 Jahren auf den muskelbepackten Schultern darfst Du ja auch mal Weisheit verkünden. Verkünde mal, Christian.

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Was bleibt von all den Büchern übrig, irgendwann, wenn die Außerirdischen den Planeten, niedergemäht vom menschlichen Irrsinn, besuchen?

Lediglich die unverrottbaren Bestandteile.

Dank an Dich für Deine Antworten. Weiterso!

www.vonaster.de

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