Sandburgen vor die Flut bauen/ Leipzigs Singer/Songwriterszene

dieser Beitrag erschien gerade im ZEITPUNKTstudentenführer

Na, Du weitangereister Neustudent. Neugierig? Leipzig, die Braut, die den richtigen Rhythmus für die nächsten Deiner Jahre hat? Schon recherchiert? Vielleicht auch intoniert? Kapiert?

Dann ist´s schön. Hier wirst Du gefeiert und kannst es selber. Drum mach es. Die Türen sind sperrangelweit geöffnet. Musikalisch weht Wind durch dein Haar. Nicht nur Trend und Krach und Experiment – nein, auch Singer/Songwriter-Stuff, die schürfende Variante Lied. Davon haben wir hier Vieles und Gutes und Überraschendes – und Du? Du hast das jetzt auch. Wenn Du willst!

Stefanie Stieglmaier ist solch eine Überraschende. Stimmlich wie Meeresrauschen in einer Jazzbar an der amerikanischen Küste; Whiskey und Klavier und Staubkörnchen im Sonnenfeuer, gibt es sie jeden Sonntag in der Mephisto-Bar in der Mädlerpassage – und unter dem Namen June Cocó einmal monatlich im Geigers Rätsel, themenbezogen mit einer Konzertreihe. Die studierte Musikerin nennt´s Acocóustic Pop, was sie da macht. Damit besiegte sie im Schiller auch schon die Anderen während der Neutönerauslese „In Dir steckt ein Star“ von Carolin Fischer und Enrico Wirth.

Der irischen Wiese entkommen ist Roisin Ni Leathlobhair. Im Heimatlande schon eine Berühmtheit, mit ihrer Band Roisin & The Beards, war sie Mitte der Nuller Jahre dieses Jahrhunderts kurz als Erasmusstudentin in der Stadt und kam wieder. Wie so viele. Seit 2010 nun fest. Mit neu aufgestellter Hintergrundkapelle schraubt sie mittlerweile am Album, reglerregelnd daran Tino Standhaft, seit 30 Jahre weltweit musizierend und mit anderen Nächtebelebern aus dem Flower Power Umfeld. Dem Koma Kschentz, Sohn einer Renft-Spieler-Legende und selber Musiker bei (gefühlt) 150 Bands und unter Anderem Gareth Knapman, dem Engländer in Leipzig. Der ist Chef der Ubiquity Theatre Compagnie und sonntagsabendlich im Flopo mit Michael Kreft Piano-Show machend – aber auch beim November Tee Quartett, duettend mit Lars Müller als The Gocats und Sprechworkshops mit Kristin Kluck von Karisma Vocal Trainings agierend.

Jederzeit bereit ist auch Francis D.D. String. Als einer der Mitgründer der Rock and Roll-Kulttruppe King Kreole hat er schon Musikgeschichte für dieses Land geschrieben. Doch mittlerweile sind die Prämissen anders gesetzt. Da ist seine Rockband Re.Vision, da ist seine monatliche Singer/Songwriter-Bühne im Mühlkeller, da ist das Liedertour-Erinnerungsprojekt „Haushofer – Eine Hommage“ und da sind landauf landab allerorten Gigs mit seinen Freunden, mit Zöllner, mit Maurenbrecher, mit Kokott und wie sie alle in den Singer/Songwriterhitparaden herum wuseln. Die Liedertour,ist wiederrum Herzensangelegenheit von Frank Oberhof, einem guten Mann, der wenig bis nichts marktschreiend verkündet, der still und schüchtern sein Bier trinkt und dazu das Akkordeon bedient. Der hat auch eine eigene Veranstaltungsreihe, die Küchenkonzerte in der Alten Schlosserei, daneben mit Freunden ein Kinderliederprogramm „Hein, das Schwein“ und organisiert mit seinem Verein das jährlich im Lene-Voigt-Park abgehaltene Singer/Songwriter Open Air (2010 schon das siebte Mal).

Irgendwie quer, aber überzeugend, schiebt sich Daniel Dexter seit Jahren durch die Szen. Im Umfeld vom Leuchtcafé IDEAL singend, wagt Daniel unbeschrittene Wege, nicht nur musikalisch, sondern auch im Leben. „Alternative“ ist da gern genutzter Stempel, der es aber nur unzureichend beschreibt. Ein bisschen hyperintelligent, ein bisschen eigenartig scheint Dexter alle Musikenzyklopädien statt der Muttermilch gezogen zu haben. Darüber breitet er jedoch, als wahrer Poet, faszinierend grantelnde Texte, Lyrik die anstößt, unbequeme Poeme, Wortgarstigkeiten und Angriffe über eigentlich schmeichelnde Melodien. Ein wichtiger junger Mann, der Mann, der so wunderbar immer weitermacht. Und weitermacht. Und mit seiner Band Schrödingers Katze auch noch richtig rocken kann.

Mehr Barjazz ist da Karoline Kalbitz. Seit sie 17 Sommer zählte, ist sie auf den Bühnen zugange. Erst Solo, dann als Trio und mittlerweile als Ella Hayes & The Homecomings. Und sie trägt die Fahne der Melancholie wie eine Waffe. Ihre Konzerte lassen still werden, ihre Stimme ist Rotwein und Blätterfallen, ihre Lieder kleine Bastionen gegen dieses Dauerwerbeflattern aus der Massenmedienmaschinerie. Die studierte Musikpädagogin hat Gesangsunterricht von der unübertroffenen Cristin Claas bekommen und letztes Jahr mit ihren Homecomings eine wundervolle Produktion abgeliefert: „Time To Drift“, musikalisches Innehalten, ein Sandburgen bauen vor der Flut.

Die Urleipzigerin Maria Schüritz, die nicht nur Solo, sondern eben ebenfalls mit Band – Funky Zebra – die Bühnen bereist, kann man der traditionellen Linie des Metiers zurechnen. Dies soll nicht abwertend aufgefasst sein, schließlich braucht diese jahrhundertealte Kunst auch Unverfälscher zum Tragen. Maria spielt Gitarre, Maria singt – und Maria erzählt Geschichten. Doch, wenn es sie richtig reitet, das alte Musikertier, dann baut sie Loops ein, lässt Chöre und Rhythmen rein und tüftelt funky. Das gefällt und begeistert. Die junge Dame ist aber auch gesellschaftlich aktiv – im Förderkreis des KAOS e.V., als Veranstalterin des KAOS-Kultursommers und sowieso im Leipziger Westen einmischend. Und wie in der Gerüchteküche schon fleißig weiterzählt wird, soll es unter ihrer Fuchtel im Juli ein Loop-Festival geben, welches die Vielseitigkeit der „EndlosKunst“ einmal in allen Facetten aufzeigen wird.

Derzeit am Erfolgreichsten sind Nadine Maria Schmidt und ihre Nylonsaiten & Saitenstrümpfe. Eine bejubelte Deutschlandtour ist gerade abgespielt, sie war mit Zöllner-Compadre André Gensicke im Studio, Rockradio unterstützt die junge Dame, sie landete auf dem wichtigsten musikalischen Sampler in Sachen Frauengesang „Women unplugged“, wurde bei den Classic Open gefeiert und dreht gerade mit der Regie Christian von Asters ein Video zum „Monstersong“. Ihre herrlich schräg und quer intonierten Stücke berühren jeden, der sich darauf einlässt. Es kratzt und lebt und springt und lacht und heult in ihren Liedern. 120 Prozent Menschsein. Ein Genuss für den Gourmet. Ein Desaster für die Marketingmenschen, die alles besser wissen wollen und überhaupt nichts verstehen.

Ganz früh begonnen hat Eva Croissant. Seit ihrem fünften Jahr gabs Kindermusical, später dann SchulBigBand, mit 15 brachte sie sich autodidaktisch die Gitarre nahe und ab dem 16ten Lebenssommer gibt es Eva Croissant Lieder. Sie steht richtig unter Vertrag beim Kopfhörer Musikverlag (Green Entertainment) und arbeitete im Studio schon mit Kurt Ebelhäuser (Blackmail) oder zum Beispiel Uwe Bossert (Reamonn) zusammen. Sie gibt Workshops in Italien und auf Rügen (begleitend zum Teenage Rockstar Camp von Super RTL) und bastelt gerade an ihrem ersten vollständigen Soloalbum unter Uwe Bosserts Reglerkünsten. Wissend, was der Musikantengott von ihr will, gab sie dem Abitur die Freiheit und sich mittlerweile mehr als 200 Bühnen – immer ein offenes Herz und immer ein unergründbares Lächeln im Gesicht. Achja, charmant ist sie wirklich und wahr. Und derzeit On The Road mit ihrer „My Wings Woke Up Tour“.

Du liest, mein junger Neuzugang, Leipzigs hat etwas zu bieten. Und eigentlich hat Leipzig noch viel mehr zu bieten – aber dafür reicht der Platz gerade nicht. Egal, geh einfach mit offenem Geist durch Deine neue Stadt und suche seine Musik. Dann hast Du die Chance diese Stadt auch zu leben.

Volly Tanner

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