Wenn die Bundesregierung eingreift, haben wir alle sowieso verloren. (Interview mit ZEITSCHRIFT Das Magazin)

dieser Beitrag erschien schon in der Leipziger Internetzeitung

Erst kamen aus Leipzig die Pornokonfetties. Davor die Einheit. Irgendwann ein Tunnel. Derzeit kommt aber ein Aufreger über die Deiche geschlittert. Ein Minderheitenquartett, wie es in der ZEITSCHRIFT steht. Manche schmunzeln, viele fühlen sich getroffen – und noch viel mehr wissen nicht, was das alles soll. Deshalb traf sich Volly Tanner mit MAX & MICHEL zum lustigen Rauchwarenanzünden und zum Besprechen der hiesigen Satirelandschaft. Lesen:

 max minus & co by privat

Volly Tanner: Hallo Max. Hallo Michel. Euer Team & Ihr sorgt derzeit gerade für Furore mit Eurem „Minderheiten-Quartett“. Philosophisch gesehen ist dies natürlich ein Spiegel. Sind wir nicht alle Minderheit?! Ich persönlich habe zum Bespiel Haare auf den Schultern. Das ist ja auch ganz dolle BÄÄÄH. Und als Volly Tanner ist es ja auch bedrückend zwischen all den Jenny Schmidts, Ilse Erikas und Franz Meiers. Sehe ich das richtig – oder geht’s nur um den Spaß?

Michel Goldmann: Natürlich geht es bei dieser Thematik nicht um den vermeintlichen Spaß, ein Paar billige Schenkelklopfer auf Kosten irgendwelcher Minderheiten zu reißen. Genau so wenig geht es aber darum, neunmalklug aufzuzeigen, dass wir alle zu irgendeiner Minderheit gehören, sobald man nur die passenden Fantasiekriterien anlegt. Beides wäre eine Null-Aussage. Das Spiel thematisiert den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit ihren Minderheiten, aber auch den Umgang der Minderheiten untereinander. Diese Verhältnisse sind auch in unserer scheinaufgeklärten Zukunfts-Gesellschaft zu großen Teilen von den denkbar billigsten Vorurteilen geprägt, was ganz klar auf den Karten zum Ausdruck kommt. Dort werden sämtliche Klischees gnadenlos akkumuliert. Die Spieler kämpfen also mit Vorurteilen gegeneinander, womit die sogenannte Integration in eine Wertegemeinschaft zwangsläufig auf die Frage hinausläuft: Kann und will ich die schlimmen Marotten von Denen da irgendwie in mein kleines Weltbild einbauen. Genau wie im echten Leben also. Und sobald die Bundesregierung eingreift, haben sowieso alle verloren.

Volly Tanner: Das Minderheiten-Quartett gehört ja ins Konzept von „Zeitschrift – das Magazin“ – an sich auch schon wieder ein sprachliches Denk-MAL! Verstehen die Mario Barth Fans dieses Landes Eure Anspielungen?

Max Minus: Mario Barth? Das ist doch dieser geistige Amokläufer? – Oder wie er in Fachkreisen liebevoll genannt wird: Die intellektuelle Leertaste der Nation! Ich denke, das Besondere an ihm ist seine Belanglosigkeit. Wahrscheinlich versammeln sich deshalb Millionen seiner Follower in Fußballstadien zur kollektiven Gehirnamputation. Kurzum, die Antwort auf deine Frage ist: Nein.

Volly Tanner: Wieso macht Ihr das? Vorm TV ist doch immer Platz und Chips und Bier sind doch nicht teuer. Und FDP wählen kann sogar der Verwirrteste.

Michel Goldmann: Auch geistig Behinderte sind gleichberechtigte und wichtige Mitglieder unserer Gesellschaft – wenn die FDP diesen Menschen ein breites politisches Forum bietet, kann ich daran nichts Negatives finden. Was Fernsehen, Chips und Bier betrifft, so ist das von Zeit zu Zeit sicherlich recht kuschelig. Allerdings geht das daraus resultierende körperliche Übergewicht nicht selten mit schwerer geistiger Unterernährung Hand in Hand. Der einfachste Weg ist nicht immer der Beste. Wir tun, was wir tun, um ein bescheidenes Plädoyer für mehr Inhalt in den Medien zu halten. Selbst wenn unsere eigenen Themen teils dadaistische Züge tragen – man kann darüber nachdenken, lachen und weinen. Bei der FDP hingegen darf man nicht nachdenken, eben weil man sonst weint – das ist also etwas völlig anderes!

Volly Tanner: In Eurem Team sind richtige Medienhaudegen. Stell Eure Mädels & Jungs doch mal kurz den interessierten Lesern vor.

Max Minus: Nachdem Michel und ich das Konzept nebst erster Ausgabe auf den Weg gebracht hatten, fanden wir schnell Gleichgesinnte für den zweiten Streich. Zur Redaktion stießen Christian von Aster (Autor) und Anja Burkhard-Oberpaul (Moderatorin bei Astro-TV), als unsere Korrespondentin für die Frauenthemen. In der Kreativabteilung unterstützen uns der Fotograf Robert Recker und die wunderbare Cartoonistin Katarina Greve.

Volly Tanner: In der Diktatur ist Satire/ Kabarett ein Ventil. Was ist Satire in unserer Zeit – ich mag ja gar nicht fragen, was Satire in einer Demokratie wäre.

Max Minus: Gute Satire dient als Ventil, Pranger und Spiegel zugleich. Sie bietet einen Raum dafür, Unmut über objektive Missstände zu äußern, das Absurde daran anzuprangern und der Gesellschaft damit den Spiegel vorzuhalten. Durch eine Mischung aus subversivem Humor und schockierendem Ernst, ist Satire ein literarischer Defibrillator, der den kritischen Geist wiederbeleben soll. Erst recht in einer Demokratie, in der das Diktat der Mehrheit allzu leicht als Wahrheit miss-gedeutet wird.

Volly Tanner: Die böse Frage (für viele hier programmierte Menschen ist diese Frage die einzige Frage, die sie noch haben!) muss sein: Kann man mit ZEITSCHRIFT – DAS MAGAZIN Geld verdienen – oder seit Ihr Sozialschmarotzer mit Amtskohle und meckert aus der sozialen Hängematte heraus?

Michel Goldmann: Diese Frage hören wir andauernd. Grotesker Weise wird sie ausschließlich von Leuten gestellt, die eine Zeitschrift wie die unsere selbst niemals kaufen würden. Die soziale Hängematte versuchen wir so gut es geht zu meiden, denn sie ist stark durchgelegen. Mit ZEITSCHRIFT- Das Magazin und Spin-Offs wie dem Minderheiten-Quartett lassen wir unser Studium ausklingen und es sieht so aus als bekämen wir damit einen geordneten Übergang ins Erwerbsleben hin. 2011 wird es von uns noch einiges zu sehen und zu hören geben – auf allen Kanälen.

Volly Tanner: Michel, was sagen Deine Eltern eigentlich dazu, dass Du Sie – denn auch sie sind welche von „denen da“ – auf die Schippe nimmst?

Michel Goldmann: Ich habe meine Eltern nur ein einziges Mal auf die Schippe genommen. Wie Du als noch recht frisch gebackenes Elternteil, früher oder später zwangsläufig feststellen wirst, brüsten sich alle Eltern gern mit ihren Kindern. Die Sicherheit und der Umfang der materiellen Existenz sind dabei Kriterien, die sich ohne große Mühe einfach anhand weniger Zahlen vergleichen lassen. Als ich den vermeintlichen Leserbrief meiner Eltern an mich selbst geschrieben habe, wollte ich mich in erster Linie über diesen Umstand lustig machen. Im Brief war ja zu lesen, dass ich mich, nun da ich scheinbar erfolgreich sei, ruhig mal wieder melden könne, denn nun  müsse sich keiner mehr für mich schämen. Meine Eltern sind vergleichsweise konservativ – schwul UND arm geht da gar nicht! In so einer Situation ist man als Spross geradezu genötigt, den ersten Makel durch Übererfüllung des Wirtschaftsplanes so gut es geht zu kompensieren. Nach kurzen Dissonanzen konnten meine Eltern übrigens darüber lachen und wir sprechen auch noch miteinander – auch wenn die vielen Briefe ins Exil ziemlich ins Geld gehen.

Volly Tanner: ZEITSCHRIFT gibt es ja überhaupt nicht in Print. Wollt Ihr das nicht? Geht´s nicht? Oder gibt es irgendeinen Grund, all die Netzflüchter außen vor zu lassen?

Max Minus: Die ersten beiden kostenlosen Onlineausgaben waren für uns als Studie gedacht. Zur Zeit arbeiten wir an dem Feinschliff der ZEITSCHRIFT, bevor wir die Offline-Kioske mit unserer Printausgabe ins Visier nehmen.

Volly Tanner: Hat sich schon mal richtig jemand über Euch aufgeregt? So ein laut bellender getroffener Hund?

Michel Goldmann: Absolut. Wenn sich niemand über uns aufregen würde, hätten wir ganz offensichtlich etwas falsch gemacht. Der derzeit beliebteste Aufreger ist natürlich das Minderheiten-Quartett. Es hat eindrucksvoll gezeigt, dass viele Leute gern aus zweifelhaften Gründen über andere lachen – sobald sie dann aber die nächste Karte vom Stapel ziehen und sich plötzlich selbst als Gegenstand von Satire wiederfinden, überhaupt keinen Spaß mehr verstehen. Ich nenne lieber keine Beispiele. Vielmehr empfehle ich jedem, selbst herauszufinden, ob er sich von einer der Karten gern beleidigt fühlen möchte.

Volly Tanner: ZDM besticht durch ein wirklich frisches und heutiges LayOut – daneben sind die Illustrationen wirklich erstklassig. Wer macht das denn für Euch? Sowas kostet doch normalerweise eine Schweinekohle.

Max Minus: Illustriert werden wir von Laura Oechel (Studentin der Animation an der HFF Konrad Wolf Babelsberg ) und Felix Scholz (freier Illustrator); das Layout stammt von mir. Momentan arbeiten alle honorarfrei, bis sich das Projekt selbst trägt. Wir wollen mit unserer Optik das genretypische Klischee des „Klohefts“ brechen. Beim Kacken mal so richtig laut zu lachen ist eine feine Sache! Aber wir wollen natürlich auch ernste Themen behandeln und dafür scheint uns eine seriöse Darreichungsform das beste Mittel zu sein. Mit einem Hochglanzsatiremagazin schaffen wir es bestimmt auch mal in die Küche oder sogar ins Wohnzimmer.

Volly Tanner: Und wann kommt die nächste ZDM heraus? Gibt’s Pläne, diese extrem wichtige Publikation weltweit agieren zu lassen? ZDM – die bessere Titanic? Oder – die intelligentere PARDON?

Max Minus: Die dritte Ausgabe, und somit das erste gedruckte Magazin, wird es voraussichtlich frühestens im Herbst 2011 geben. In der Zwischenzeit, werden wir unsere Internet-Präsenz ausbauen und regelmäßig Satire-Artikel ins Netz stellen.

Volly Tanner: Danke für das Interview, Michel Goldmann und Max Minus – und sag mal zum Schluss, was ist denn das für ein Name? Ich weiß: Volly Tanner ist jetzt auch nicht der Kreativität bester Bomber – aber Max Minus…huihuihui…da gabs doch bestimmt Rauchkräuter dazu?

Max Minus: Jedes Kind weiß doch, dass man als (post)moderner Qualitätsjournalist erst dann ernst genommen wird, wenn man eine abgefahrene Alliteration im Namen trägt. Als zertifizierte Zeitzeugen möchte ich (gesprochen) Claus Kleber & Gundula Gause, (unter Vorbehalt) auch Matthias Matussek und besonders Karla Kolumna nennen. Zum Schluss noch eine Frage an dich: Hast du mal Feuer?

www.zeitschrift-dasmagazin.de

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