Wird Zeit, dass wir leben!

Das Taxameter läuft, die Straßen sind

Regennass, hinter der nächsten Ecke

Warten die Gerichtsvollzieher

Mit den Vollstreckungsbescheiden

Das Wort bescheiden macht sich hier komisch aus

Die Töne zur Lage der Nation

Haben seit Jahrzehnten den

Gleichen Rhythmus, ich habe Angst zu verhungern

Und mein Bauch spannt von

Zu viel Ödnis und Leere

“Fahren Sie bitte etwas langsamer”

“Gut, wo wollen Sie denn eigentlich hin?”

“Nirgendwohin, fahren Sie mich einfach ein bisschen herum.”

Im Radio läuft Ulla Meinecke:

wir hängen so am leben

hilflos baumelnd wie am strick

und schauen in die zukunft

mit seltsam starrem blick

In diesen Nächten erbricht sich der

Innenstadtblues aufs Pflaster, die Heimatlosen

Irren Verrückten und Wahnsinnigen

Suchen nach ausgleichender Gerechtigkeit

Mit den drei Wörtern an der Wand

Nichts stimmt mehr!

Nichts geht mehr!

Olaf liebt Sarah!

Das Werbesloganrepertoire bestimmt das Handeln

Es regnet immer noch, der Mond zerknallt

Auf rissigem Teer

Seitenstraßenschmerzen, Innenstadtdesaster

Ich beiß mir in die linke Hand

Um zu spüren, dass da noch etwas ist

Damit ich wenigstens einen Grund habe zu heulen

Das Taxameter läuft und läuft

Und Felix de Luxe wollen nach Paris und schaffen

Es nur bis Oggersheim

Ich sammle Sätze

Da draußen leben sie und werden gesprochen

Und atmen und stinken nach altem

Bier aus Chemnitz, noch billiger als Sternburg Export

Und werden an Mauern gesprüht

Weil ja sowieso niemand Zeit hat

Zuzuhören

Wenn die Fernsehzeitung den Ablauf bestimmt

“Plant uns bloß nicht bei Euch ein!”

Das ist gut, das hat Stil…

Meine Stadt lebt von der Stütze

Meine Stadt dampft nach dem Regen

In meiner Stadt hat nur noch

Jede vierte Laterne Sonne im Bauch

Und zersplitterte Bushaltestellen

Und zersplitterte Telefonzellen

Und Augenkrebs vom Blut

An den Innenseiten der Schenkel

Das Taxameter zeigt eine verwirrend

Eindeutige Zahl und der Taxifahrer dreht sich um

Sein Mund öffnet sich

Zahnstummel, eine glitschig fette Zunge

Der Takt der Wörter vermischt sich

Mit den Schreien der kroatischen Soldatenwitwe, die in der

Parallelstraße vergewaltigt wird

Hier ist mein Platz

Hier möchte zwar kein Hund begraben sein

Aber die Kinder sind so wunderbar laut

Und die Bäume wachsen jedes Jahr etwas mehr in Richtung Sonne

Bevor ich den Schlüssel

Ins Schloss stecke, drehe ich mich

Noch einmal um

Und lese gegenüber

“Solange wir nicht

Absolut sicher sind,

Sind wir noch am Leben!”

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tanners Texte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s