Es gibt kein Leben ohne Probleme (Marie-Luise Görtz/ Interview)

Dieser Beitrag erschien schon Ende 2010 in der Leipziger Internetzeitung; demnächst gibt es den Folgebeitrag (Was daraus wurde):

Manchmal trifft man Menschen die leuchten irgendwie. Und dann spricht man mit ihnen, fragt nach und lässt sich erzählen. Und Geschichten kommen ans Licht, die beeindrucken und die wertvoll sind. Jeder Mensch hat diese Geschichten. Jeder Mensch hat etwas zu erzählen. Jeder Mensch ist es wert, dass seine Geschichte gehört – oder gelesen – wird. So wie bei der jungen Leipzigerin Marie-Luise Görtz und ihrem schlingernden Betreten der Lebensautobahn, fast überrollt und trotzdem überlebt:

MLG by Volly

Du sagst: „Manchmal muss man mit dem Gesicht auf dem Boden landen, um mal wieder Land zu haben.“ Das klingt ganz schön weise für eine junge Frau Anfang der 20. Hat Dein Lebensweg so viele Furchen gehabt, über die man stolpern konnte?

Mein Leben bestand bis jetzt oft aus Ecken und Kanten, die ihre Rundungen verpasst kriegen wollten.
Mit 14 habe das „Nest“ verlassen, da die Differenzen zwischen mir und meiner Familie zu groß waren, als das „Klein-Luischen“ sie weiter hätte ertragen bzw. tragen können. Es folgten 2 Jahre „Alleinherrschaft“, völlig auf mich gestellt, was das frühe „Erwachsen“ werden hervor rief. Der Überlebenskampf auf der Straße hat mich sehr geprägt – er formte mich zu dem, was ich heute bin.
Feingefühl für zwischenmenschliche Beziehungen, Selbsterziehung, Umdenken, das Zurückstecken des eigenen Ichs, Anpassungsfähigkeit, das Treffen von falschen Entscheidungen – und die daraus entstandenen Folgen möcht ich heut nicht mehr missen. Denn, obwohl mir oft die Luft zum Atmen fehlte, habe ich durch das „Fallen“ das „Fliegen“ zu schätzen gelernt.
Es gibt kein Leben ohne Probleme, es gibt eben jeden Tag neue Herausforderungen. Das zu erkennen und zu meistern ist eine „Lebenskunst“ und wird uns Menschen ewig vom Tier unterscheiden.

Und dann?
Nach den 2 Jahren umgeben von „hohlen“ Nüssen kam ich mir sehr leer vor. Es musste sich was ändern und dabei konnte mir keiner helfen außer meiner einer selbst. So entschloss ich mich, von der Straße wieder in ein geregeltes Leben zu wechseln, was sich als sehr schwierig umzusetzen herausstellte, jedoch nicht unmöglich war. Ich suchte Hilfe beim Jugendamt und kam in eine WG. Diese paar Monate in dieser Einrichtung waren für mich sehr beengend. Ich wollte in einen eigenen Lebensraum, den ich mir dann auch hart erkämpft habe. Dies machte mir „Fairbund“ möglich. Ich bekam eine Betreuerin, die mir mit Rat und Tat zur Seite stand. Ich ging zur Schule und machte meinen Abschluss, schließlich wollte ich nicht ohne diesen Abschluss meinen weiteren Lebensweg begehen. Wer weiß, wozu man diesen noch benötigt.
Mit 18 versuchte ich ohne Betreuung weiter zu machen. Ich dachte, ich wär schon so weit mein Leben allein zu bestreiten, doch das ging ziemlich schief. Durch die Schule hatte ich die verkehrten Freunde, welche mich wieder in die falschen Kreise schleusten. So kam eins zum anderen und ich war dem Elend der Straße abermals näher, als zuvor.
Nach einer Vergewaltigung brach für mich alles zusammen. Fast hätte ich mich gänzlich aufgegeben, doch mir half ein junger Mann, der mir zeigte, dass eben nicht alle Menschen „böse“ sind. Wenn ich mal recht überlege, hat er mir das Leben gerettet. Wer weiß was ich sonst noch alles hätte mit mir machen lassen.
Der nächste Schlag in meinem Leben war der Tod meiner O-Mama am 4.5.05. Sie war der einzige Mensch, der in mir gesehen hat, wer ich war und wer ich bin. Sie ist für mich ein Vorbild was tiefe innerliche Wärme und Menschlichkeit betrifft. Schließlich war sie auch die Einzige, die es geschafft hatte, mich auf der Straße aufzusuchen, zu finden und mir den Kühlschrank zu füllen. Sie war ein Mensch mit sehr viel Größe!!
Vor 3 Jahren fing ich eine Lehre in der Werkzeugmechanik an. 1,5 Jahre ging das gut, bis ich die Belästigung am Arbeitsplatz nicht mehr aushielt. Ich vertraute mich dem Ansprechpartner für Sorgen am Arbeitsplatz an und das führte zum Rausschmiss. Schließlich war ich die Neue und Skandale wollte sich diese Firma nicht leisten.
Zur gleichen Zeit kam mein damaliger Freund ins Gefängnis und ich musste mich darum kümmern, dass seine Wohnung aufgelöst wurde und sein Hab und Gut zu mir kamen. Bald darauf folgte die Kündigung meiner Wohnung und mir wuchs alles über den Kopf. Es folgten wieder 2 Jahre Obdachlosigkeit und das Umherziehen von Leuten zu Leuten. Übergriffe von Jungs, die mich mehr einsperren als leben lassen wollten, brachten mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Es war so schlimm dass ich schon gefallen an Suizid bekam, aber zum Glück nicht ausgeführt hatte. Dank dem Restbestand meines Bewusstseins.

MLG by VT

Aber irgendwie musste es doch wieder aufwärtsgehen. Oder?

 
Als mich eines Tages ein Brief erreichte, worin stand, dass ich 420 Arbeitsstunden zu machen habe, suchte ich mir einen Ort zum ableisten, der meine Rettung in allen Dingen war und immer noch ist. Die „Zukunftswerkstatt“ ist ein Ort der mehr Unterstützung verdient, denn ich habe dort Hilfe zur Selbsthilfe bekommen und sehr viel Liebe für Menschen erfahren. Jetzt habe ich eine Wohnung, fertige Aufträge in einer Holzwerkstatt, bekomme Anerkennung für meine Leistung, bereite viel für meine Lehre als „Holzwurm“ vor und habe den Schlüssel zu meinem eigenen Ich gefunden. Selbstwertgefühl war mir das wertvollste Geschenk geworden.

Das ist ja doch eine Karriere, wie aus dem NegativBilderBuch. Viele schaffen es nicht, da auszubrechen, selber wieder bewusst zu werden. Du hast da echt bis jetzt Stärke bewiesen. Auch während der tiefen Phasen hast Du auf dich aufgepasst. Wo ist jedoch die Grenze of NO RETURN? Gab es Punkte, an denen alles ausweglos schien? Und wie hast Du dich da rausgeboxt?

Es gibt keine sichtbare Grenze of NO RETURN – es bleibt für mich die fühlbare Grenze, die intuitive Grenze! Eine Garantie wird es nie geben, wäre Quatsch danach zu suchen. Im Grunde besitzt jedes Wesen eine leitende Stimme tief im eigenen Ich. Bei mir dauerte es eine Weile aus dem Haufen an Gefühlen in mir, die eine besondere Stimme zu erkennen und filtern zu können. Durch den Kontakt mit den Drogen fühlte sich meine innere Stimme jedesmal anders an, weswegen Fehlentscheidungen oftmals vorprogrammiert waren.
Auch in den Momenten, wo ich von „bewusstseinserweiternden Mitteln“ Abstand nahm, war ich für mich selbst noch so ungeordnet, das oft nur noch Weinen half „luizid“ „sehen“ zu können.
Da ich als Kind in einer Gesellschaft aufwuchs, wo Freunde in solchen Momenten der Ausweglosigkeit zur Hilfe eilten bzw. einfach nur da waren, musste ich in der Zeit meiner „Alleinherrschaft“ schmerzlichst erfahren, was es bedeutet, jemanden an seiner Seite zu missen! Die Beständigkeit der Einsamkeit, obwohl man umgeben von Menschen war und ist. Einsamkeit ist mein neuer Begleiter – ein mieser Begleiter – einer der mich immer zum wackeln bringen könnte.
Man sieht: vor Rückfällen kann nur der richtige Umgang mit sich selbst helfen. Wenn du dir selbst ein Freund sein kannst, kann kommen was will. Selbstwertgefühl und Selbstliebe ist ein wichtiges Brot auf dem Weg des Lebens.

MLG by VT

Das klingt ja ganz gut und erwachsen – aber was bedeutete das für Dich ganz praktisch?

 
Für mich persönlich habe ich das Boxen entdeckt. Sport ist ein wichtiger Ausgleich zum alltäglichen Stress. Beim Boxen kann ich alles rauslassen, was an Restenergie noch in mir rumschwimmt. Ein herrliches Gefühl kaputt vom Sport anstatt kaputt von Drogen ins Bett zu fallen. Bei dem „Streetlife“ der hinter mir liegt, gibt mir Boxen auch die Sicherheit, mich verteidigen zu können, die Sicherheit, die mir als Frau auf der Straße oftmals genommen wurde. Man fühlt sich nach dem Training im Kopf unheimlich frei und ausgeglichen.
Gegen die Einsamkeit zu Hause habe ich mir einen Kater (meinen Salonlöwen) und eine Katze angeschafft. Es ist immer wieder schön zu wissen, da ist jemand zu Hause, der auf Dich wartet. Meine kleine Familie sozusagen!
Das Herz am richtigen Fleck kann einem jeden Menschen in ausweglosen Momenten den richtigen Weg weisen. Auch wenn es bedeutet alles hinter sich zu lassen!

Genau dieses ALLES HINTER SICH LASSEN ist doch am schmerzhaftesten – aber auch am befreiendsten. Ein Umschalten in eine völlig neue, andere Realität. Wie fühlst Du Dich hier?

Man fühlt sich wie, …
… es hat was von „neu geboren“ sein!

Ich bin: ein neuer Mensch im alten Kleid, fass nur noch an, was mich befreit! Manchmal muss man erst etwas verlieren, um zu wissen, wie lieb man es hat. Was Dich nicht umbringt macht dich stark – hart aber herzlich.

Aber wie angekommen fühl ich mich noch nicht – schließlich ist man dort zu Hause, wo einem die Tür mit einem Lächeln geöffnet wird. Und dieses zu Hause fehlt mir noch. Genau kann ich es eigentlich nicht sagen. Denn, so sehr man sich auch Mühe gibt, kann man nie genau in Worte fassen, was man hinter der eigenen Brust fühlt. Dafür gibt es kaum Worte!

Wie geht es jetzt weiter mit Dir? Gibt es Pläne? Träume?

Meine nächsten Ziele sind die Ausbildung als „Holzwurm“, das kennenlernen „warmer“ Menschen, der Austausch mit anderen, im Leben stehenden, Menschen, vielleicht meinen ersten Boxkampf im Dezember antreten und die Clownerie mit „Holly dem Clown“. Im November ist mein erster Auftritt mit ihm auf einem Kindergeburtstag. Weiter will ich erstmal nicht träumen – erstmal umsetzen!

Ach ja… feste Freunde wären noch ganz nett aber das kann man nicht erzwingen!

Da sind wir schon bei der Clown Holly Geschichte – was sollst/willst Du denn da genau machen?

Ich werde seine Clown-Kumpeline. Die zwei Zöpfe, mit schön kreativer eigener Maske und eigenem Kostüm (welches noch in Arbeit ist) werden mein Antlitz schmücken. Ich bekomme noch eine richtige Unterweisung. Da bin ich selber gespannt, was Holly sich da ausdenkt. Ich freue mich schon jetzt riesig auf das Arbeiten mit ihm!

Und Boxen – Dein erster Kampf im Dezember? Erzähl mal was dazu. Ists ein Verein? Profi? Amateur. Streetfight?????

mlg by vt

Es ist ein Verein – Fighting Fellas!
Ich werde bei den Amateuren fighten. Genaueres bekomme ich erst mitgeteilt, wenn es soweit ist und VORALLEM, wenn ich soweit bin!

Danke für das beeindruckende Gespräch – möchtest Du den Lesern noch etwas Besonderes mitgeben?

Hm, ja – folgendes vielleicht: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen aus. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte.“

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