Auch russische Schmetterlinge leben im Bauch (Portrait Julia Shvets)

Erschien schon im BLITZ STADTMAGAZIN Januar 11

Gibt der interessierte Mensch den Namen Julia Shvets in die obligatorischen Suchmaschinen dieses Planeten ein, landet er bei einem dürren, alienhaften Fashionmodel von der Stange, das weltweit catwalkt. Jedoch weiß der Verfasser dieser Zeilen von Fehlinformationen, ist er ja auch nicht Inhalt der Familie, bei der Gordon Shumway (ALF) von Melmac nach seiner Bruchlandung serienlang lebte. Also weiter geforscht und real getroffen.

Die Julia, die dann im Café Lindex den Milchkaffee trinkt, ist viel sympathischer und lebendiger und spricht die hiesige Sprache etwas anders aus. Klar doch, ist ihr Geburtsort doch Omsk. Dort verbrachte sie eine quirlige Kindheit und wurde Diplompolizistin (sozusagen) mit Auszeichnung. Das ist nämlich ein Studiengang an der Omsker Universität. Da ihr Herz aber schon immer – mit 15 bekam sie ihre erste Rolle – an der Schauspielerei hing, absolvierte sie in der achtgrößten Stadt Russlands auch noch eine Schauspielausbildung. Omsk mit seinen 1.2 Millionen Einwohnern lässt Leipzig in diesem Punkt doch wieder vom Ego-Zentrismus abrücken.

Julia Shvets by Volly Tanner

Am Omsker Theater feierte Julia Erfolge bis das Fernweh siegte. So ging es auf den großen Trip ins Unbekannte und Leipzig wurde neuer Lebensmittelpunkt. Hier ankerte sie 2006 mit ihrem Mann, mit dem sie mittlerweile seit 10! Jahren verheiratet ist und sie stellte fest: „Uns verbindet natürlich unsere Kultur und die Geschichte. Wir haben unsere Sehnsüchte und Träume und sie sind gar nicht so unterschiedlich. Musik und Theater, Kunst und Küche, Literatur. Wir haben sogar ähnliche Redewendungen und Sprichwörter.“ – aber sie fand auch Trennendes: „Uns trennt untereinander die Art und Weise des Ausdrucks unserer Gefühle. Russen leben meistens aus dem Bauch, Deutsche mit dem Verstand. Es ist nicht gut und nicht schlecht. Es ist so wie es ist. Aber Schmetterlinge leben doch im Bauch – oder?“

Noch während eines Intensivtrainings „Deutsch“ von einem ganzen Jahr kam sie zur Leipziger Off-Theater-Crew „DramaVision“, erspielte sich einen guten Ruf in der Szene in solchen Stücken, wie „Russisch Brot & deutsche Schokolade“, „Egoismus“ nach Balzacs „Chouans“ und dem tiefschürfenden „Ein Königreich für eine Fußbodenheizung“, welches bei den letzten Amateurtheatertagen im Lofft 2010 in der Jury für heiße Diskussionen sorgte. Auch Ev Schreiber vom Theater Fact erkannte Julias Talente und holte sie für „Was ihr wollt!“, „Feinripp & schwarze Spitze“ und neben anderen Produktionen derzeit mit „Die Zärtlichkeit des Sonntagsbratens“ auf ihre Bühne. Talent und Fleiß zahlen sich eben aus, auch wenn eigenartigerweise in Russland erworbene Abschlüsse hier völlig negiert werden. Das ist mehr als fragwürdig, ist doch Europa auf dem Wege und sind doch heuer Nationalgrenzen eher Wischiwaschi.

Julia Shvets by Volly Tanner

„Da wünsche ich mir einfach mehr Toleranz und Offenheit – eben nicht nur im Privaten, da gibt es kaum etwas auszusetzen; aber im Beruflichen – da hapert es noch ganz schön …“

Und charmant lächelt Julia Shvets über ihre Tasse und der Verfasser dieser Zeilen ist froh, dass sie kein Alienmodel ist, weil: worüber sollte man mit einer Puppe eigentlich reden?

Die Zärtlichkeit des Sonntagsbratens; 15. & 18. Bis 22.01.2011; Theater FACT

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Portrait abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s