Wir sind unsichtbare Riesen! (Michy Reincke Interview zu Palais Salam)

Der Beitrag wurde schon in der Leipziger Internetzeitung veröffentlicht:

Manchmal – ganz selten – leuchten Menschen. Man kommt in ihre Nähe und spürt Licht. Und Wärme. Und Mitte. Wenn diese Menschen dann auch noch teilen, Musik und Ideen, wird’s richtig interessant und der Fragende sollte möglichst „laufen lassen“. Michy Reincke zu interviewen, das sind solche Momente, wofür man Journalist geworden ist. Und ihm am 14.01.11 in der Theaterfabrik beim Musizieren zuzuschauen ist ebenso Freude. Bekannt wurde er 25jährig mit „Felix de Luxe“ und seinem „Taxi nach Paris“. Mittlerweile ist er 51 Sommer hier und jede Zeile zu lesen wert:

Hallo Michy. In meinem Player läuft derzeit „Palais Salam“ in Dauerrotation. Und alle sind berührt, denen ich das gute Stück ans Herz lege. Was aber ist das Palais Salam?

Herzlichen Dank! Zum einen ist „Palais Salam“ ein realer Ort. Es ist ein Hotel in Taroudant in Marokko & war früher ein Königspalast. Ich habe dort Anfang der 90er Jahre eine Woche gewohnt & Bob Geldof & seine mittlerweile leider verstorbene, damalige Frau Paula Yates kennen gelernt. Es war eine sehr entspannte, schöne & ruhige Zeit. Zum anderen – als ich letzten Sommer, in den ersten heißen Tagen mit meinen Freunden mein aktuelles Album aufgenommen habe & wir für die bevorzugte Umsetzung sehr lässige & musikalisch „abgehangene“ Versionen erstellten – bot sich der Name dieses Ortes & seine Bedeutung wie von selbst für den Titel der CD an. Einfach Musik spielen – nahezu absichtslos & ein bisschen faul – kann ein Palast aus Frieden sein. Als Musiker mit Anfang 20 haben wir unsere Vorbilder, die alten Säcke, immer dafür bewundert so zurück gelehnt & „cool“ zu spielen. Jetzt sind wir die alten Säcke & halten beim Musik machen manchmal die Zeit an.

michyfoto - von RINTINTINrec.

Im Nordwesten der Republik bist Du gestandenes und gefeiertes Kulturgut. Hier im tiefen Osten kennen die meisten Dich nur aus den „alten Zeiten“ – von Felix de Luxe. Da warst Du noch unzerfaltet, jetzt bist Du reifer Wein. Wie kann man Dich den Nichtwissenden beschreiben, damit es sie in die Theaterfabrik zieht?

Meine Musiker & ich sind unsichtbare Riesen! „Animateure“ in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, die die Seele zu den Menschen bringen. Ich unterhalte Menschen sehr gern aber auch konventionell.
Wenn ich als junger Mann gewusst hätte, wie herrlich es sein kann erwachsen – im Sinne von Wachsen & Wach sein – zu werden, hätte ich nicht so ein verzweifeltes Spektakel darum gemacht.
Aber vielleicht wäre ich heute verzweifelter, wenn ich nicht früher gezweifelt hätte. Verworrene Geschichte. Den allgemeingültigen Maßstab für „Richtig“ angesetzt, habe ich in meinem Leben unheimlich viel verkehrt gemacht. Trotzdem bin ich einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne. Das Leben wird nicht runder, wenn man versucht sich die Ecken selbst abzuschleifen – ganz im Gegenteil – es wird entweder sehr viel komplizierter oder – noch schlimmer – unglaublich langweilig. Die Gezeiten machen den Kiesel rund. Wer das nicht ertragen kann, sollte es üben.
Die Menschen, die in die Theaterfabrik kommen werden auch einem humorvollen Menschen begegnen, der gute Musik macht & Wert auf gute Texte legt & im Übrigen sehr viele Texte für die eingedeutschten Soulklassiker seines Freundes Stefan Gwildis geschrieben hat, mit dem er schon zusammen zur Schule gegangen ist.

Ich persönlich mag Deine ungebrochene Zuversicht. Man spürt förmlich Deine Nähe zur Weisheit – oder wenigstens Dein Bemühen Deiner Mitte nahe zu kommen. Überrollt Dich nicht trotzdem hin und wieder die Wut?

Klar. Dummheit & Ignoranz ausgesetzt zu sein lähmt hin & wieder die guten lebendigen Kräfte, aber in seiner Wut zu bleiben bedeutet die Furcht zu füttern. Dann bist du der einsame Stier in der Arena, der aus lauter Verzweiflung & Unwissenheit gegen das rote Tuch anrennt. Zu glauben eine Rechtfertigung dafür gefunden zu haben schlecht gelaunt & wütend durchs Leben zu laufen, weil es nicht so läuft, wie man es gern hätte oder weil man erkannt hat, dass es wirkliche & vermeintliche universelle Ungerechtigkeiten gibt, ist nicht besonders kreativ! Es gibt viel Platz zum Handeln zwischen „Ungerechtigkeiten ignorieren“ & „gegen Windmühlen reiten“.
Zufriedenheit entsteht für mich aus einer aufmerksamen Haltung dem Leben gegenüber. Ich sehe hin, höre zu & spüre dem Wesen der Dinge nach.
Wenn ich glauben kann, dass der Organismus, der ich bin, das Notwendige durch meine Venen pumpt & ich z.B. nicht einmal nachts, wenn ich schlafe, meinen Atem zu kontrollieren brauche, wäre es nicht besonders klug von mir anzunehmen, dass ich das Berufliche & Alltägliche, mit all den Plänen, Problemen & Bildern, die ich von irgend woher im Kopf habe, ausschließlich in meinem Sinne manipulieren könnte. Das Leben, das durch mich hindurch fließt gibt es seit Milliarden von Jahren & solange ich lebe, wird es mir immer den Weg zeigen, wenn ich offen dafür bin. Es will von mir nicht übers Knie gebrochen werden. Es lacht sich schlapp darüber. Es gibt diesen schönen Satz: „Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von Deinen Plänen!“
Aufmerksamkeit ist für mich der Schlüssel für gutes Gelingen. Nicht nur bei der Arbeit.
Nicht aufhören klug zu werden an dem, was jeder Tag bereithält. Bereit sein ein Leben lang zu lernen & nicht ein Leben lang klugzuscheißen.
Klingt vielleicht etwas schlicht, aber es laufen mehr Menschen da draußen rum, die nicht wissen, dass sie eigentlich schon tot sind, als man glaubt.

michy by rintintin

Glaubst Du wirklich, dass Frieden möglich ist? Wenn ich bei mir aus dem Fenster schaue und die Menschen frustriert und hoffnungslos sehe, zweifle ich persönlich doch sehr oft. Was ist Dein Rezept gegen die Unvernunft?

Du meinst gegen die Doofheit? Wie wäre es damit die richtigen Bücher zu lesen, Theaterwerke zu bestaunen oder die großartige Musik der Klassiker zu genießen? Der Reichtum menschlicher Kultur ist so umfangreich an einem geistigen & seelischen Nutzen, an Freude, Liebe & Trost. Nur findet man diesen Nutzen nicht zwingend in 30 TV-Kanälen oder der letztendlich doch sehr oberflächlichen, wunderbaren Welt des Internet.
Das in weiten Teilen niveaulose, ungeistige & seelenlose Kulturangebot ist für mich vergleichbar mit einem Buffet bei einem nicht enden wollenden Kindergeburtstag. Ganz viel lecker Pommes Frites, schwarze Brause & Süßigkeiten. Nur auf Dauer nicht besonders nahrhaft.
Um es vorsichtig zu formulieren: Es macht die Menschen nicht klüger. Ein gutes Ziel wäre – in meinen Augen – ein Leben so zu leben, dass es Früchte trägt, die einen in jeder Beziehung satt machen. Nicht dick. Wann wird es endlich hip nicht so lächerlich zu sein wie die Clowns aus dem Fernsehen?
Die Frustration setzt da ein wo Menschen nicht mehr handeln, weil sie nicht wissen warum sie leiden. Aber jeder Mensch in unserem Kulturkreis, der Lesen & Schreiben kann ist prinzipiell nicht nur befähigt heraus zu finden was die Quelle seiner Qual ist, sondern aus seinem Leben einen Spiegel zu machen in dem er die einmalige, wirkliche Kostbarkeit seines Lebens erkennt, wenn er sich nicht ständig im Wettbewerb mit anderen darum bemühen würde den Wert seines Lebens an kuriosen Besitztümern festzumachen, die häufig an bunte Glasperlen erinnern & blindlings irgendwelchen Rattenfängern hinterher zu tapsen.
Wettbewerb hat bestimmt seinen archaischen Reiz, aber es ist als einziges Prinzip zur Orientierung für den Weg eines gelingenden Lebens oder – geschweige denn –  einer höheren Menschwerdung nicht besonders hilfreich.
Eine Kultur, die ihren Wert irgendwann nur noch über Quantitäten – Verkäufe, Einschaltquoten, etc.- definieren kann, wird sehr breit sein, aber nicht besonders tief.
& die Qualität eines Lebens nur noch an Mengen zu messen ist in jeder Form eine äußerst trostlose  Angelegenheit.
Frieden kann jedem begegnen, der ehrlich zu sich selbst ist & der in der Lage ist sich die Fragen seines Lebens ehrlich zu beantworten. Es ist ziemlich viel interessantes Universum da draußen & es ist mir schleierhaft, wie ein paar Dutzend medialer Strohköpfe es schaffen, einen Großteil der Menschen sich nachhaltig in einer Schrebergarten-Parzelle aus Blödheit & Gier über sich selbst amüsieren zu lassen.
Das große Ziel sollte es sein ein gutes & erfülltes Leben mit Leidenschaft zu leben – & auch das meine ich in der Bedeutung des Wortes, denn ohne die Bereitschaft auch Leid auszuhalten ist ein gelingendes Leben nun einmal nicht zu haben – & sich mit Menschen zu umgeben, mit denen man gern zusammen ist.
 

Dein Charisma und Deine Lieder gehen die Welt ja doch etwas ganzheitlicher an, als zum Beispiel meine Freunde von The Heroine Whores, die krawallend ihrem Unbehagen Töne geben. Was kannst Du, als gestandener 51jähriger Musikant & Künstler, der jungen Generation ins Album diktieren? Muss diese diffuse Wut nicht auch sein? Jan Off sagte mal „Das Vorrecht der Jugend ist es radikal zu sein!“. Kann man auch in der Reife noch radikal sein – radikal Mensch?

Radikalität, Subversivität & Verzweiflung sind für mich absolut nachvollziehbare Ausdrücke jugendlicher Kompromisslosigkeit & sind als solches auch bedingungslos akzeptiert. Es sind Orientierungen durch Abgrenzungen, die notwendig sind um etwas herauszubekommen. Notwendig für Innovationen.
Diese Haltung zu einem lebenslangen, ausschließlichen Konzept zu machen wäre mir allerdings tatsächlich etwas zu eindimensional & würde für mich immer nach chinesischer Kulturrevolution klingen. Innovation ist auch nach tiefer Selbsterkenntnis & durch das Erlangen von Freiheit von sich selbst möglich. Damit meine ich auch die Freiheit von Posen.
Mit über 60 noch in Gymnastikhosen mit Suspensorium & freiem Oberkörper „I can´t get no satisfaction“ singend über die Bühne zu gockeln ist weniger Ausdruck von Subversivität als ein pathologischer Fall von  „Peter-Pan-Syndrom“.
 

Was kommt nach uns? Kommt überhaupt noch etwas nach uns?

Die Fähigkeit Qualität zu differenzieren hat in allen Bereichen ganz offensichtlich in den letzten zwei Jahrzehnten stark abgenommen. Im Alltag wie in den Redaktionen der Medien. Wir leben in einer sehr beliebigen Zeit mit wenig Stil & Haltung. Es gibt tatsächlich mehr Respekt für dubiose Bauernschläue als Achtung vor wissenden Menschen. Die Ghettoisierung von Kultur in so genannten Formaten ist seit vielen Jahren dazu da die Werbung besser bei den Zielgruppen zu platzieren. Die Selbstverständlichkeit mit der diese Tätowierung von Kultur durch Meinungsforschungsinstitute zur „besseren Effektivität der Unternehmen“ statt gefunden hat ist einigermaßen erschütternd, da sie auch von den öffentlich rechtlichen Medien unterstützt worden & nie wirklich  in Frage gestellt worden ist. Die pralle Oberfläche beginnt aber bereits rissig zu werden & abzublättern. Wie hat es Martin Luther King einmal so schön gesagt: Sie können alle Menschen eine gewisse Zeit zum Narren halten. & einige vielleicht die ganze Zeit. Aber sie können nicht alle die ganze Zeit verarschen!
Ich sehe die Sache gelassen & die kulturellen Verirrungen unserer Zeit als den Dünger der Zukunft.
Generell ist eine zukünftige Welt nur mit Menschen denkbar, die sich in revolutionärer Zurückhaltung üben. Gut für solche, die schon immer gern mit wenig Gepäck gereist sind & ihren Reichtum in sich tragen.

Zurück zu Deinem Leipziggig. Was bekommen die Leute geboten, am 14.01.?

Gediegene Unterhaltung, Inspiration & eine Menge Musik! & wer bis zu „Taxi nach Paris“ nicht völlig hemmungslos in Unterwäsche über die Tische tanzt ist selber Schuld.
 

Danke, Michy – und wir sehen uns auf jeden Fall!

Vielen Dank für Deine Unterstützung!

Michy Reincke LIVE; Theaterfabrik Leipzig, 14.01.11

www.michyreincke.de

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter KÜNSTLERINTERVIEWS abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s