Wenn Leipziger träumen: Volly Tanner wünscht sich einen Totalausfall aller politischen Systeme

„Wenn Sie glauben, nichts Großes ausrichten zu können, versuchen Sie einmal, mit einer Mücke einzuschlafen … und Sie werden sehen, wer den anderen am Schlafen hindert.“

Dies sagte vor einigen Jahren ein weiser Mann. Und er sagte noch vieles mehr. Zum Beispiel lächelt er gern und schmunzelt und legt seine Hände gefaltet in seinen Schoß – während überall der Irrsinn der Welt an die Ufer der Menschheit brandet, stark und kraftvoll – und die zivilisierten Küstenstädte überrollt mit Kriegen, Hungersnöten, Wahnsinn, Manipulation, Intrigen, Krankheiten und politischen Desastern – & dann spricht er leise in unser aller Hirne: „Heitere Gelassenheit!“.

Die wünsche ich mir für 2011 und die Zeiten später. Ich wünsche mir Menschen, die selbst bewusst sind. Ich möchte sich über ihre tierischen Instinkte erhebende Wesen auf unserem Planeten, die sich selbst und die Weisungen Anderer hinterfragen – die den geistigen Büffelherden an den Wasserlöchern zuschauen und verstehen, was wirklich wert hat, die Herzenswärme, die Hilfsbereitschaft und das Aufeinanderachten. Ich erwarte Verständnis und Toleranz, Wissen und den Willen zu lernen. Ich sehe in die kleinen und großen Kindergärten, die bissigen wütenden Wolfskinder in der Politik und die hoffnungslosen Zerfurchten an den Supermärkten, ich sehe die gewollt aufgebauten neuen Grenzen zwischen den Menschen, die arroganten Herrenmenschler in den Entscheidungsetagen, die auf ihre Mitwesen treten, die sich erheben, indem sie andere in den Dreck schlagen. Ich sehe täglich Schlimmes und Schlechtes – Verrohung, Erniedrigung und Gewalt – und trotzdem glaube ich, dass da noch ein Funken Hoffnung ist, dass das Material, mit dem der große Genzusammenwürfler diese Erde beschenkt hat, nicht ganz so schlecht ist, wie uns die Oberen, die Herrschenden und Verschiebenden weismachen wollen.

Im Großen & Ganzen wünsche ich mir mehr „Menschlichkeit“ – in des Wortes wahrem Sinne. Ich wünsche mir mehr MENSCHen und weniger Konsumisten, Ängstliche und Programmierte.

Und im Kleinen & Privaten weniger Wut und mehr Freundlichkeit und Mitte.

Ich möchte Zeitungen lesen können ohne cholerische Anfälle zu bekommen. Ich möchte ein planetenweites Verbot von Fremdbestimmung und Unfreiheit in den Entscheidungen. Ich möchte Zeit miteinander & nicht mit Geräten.

Ich möchte Wärme in den Hütten und alle Kinder satt sehen – die Möglichkeiten haben wir schon lange dafür. Aber unsere Werte sind verschoben und unsere Wichtigkeiten bis ins Perverse & Absurde verzerrt. Die Jagd nach dem Marlin – jeder von uns einzeln und einsam in seinem Boot – muss überhaupt nicht sein. Wir könnten viel mehr zusammen sein und leben, lieben und Liebe geben.

Und Leipzig? Oh mein Gott! In Omsk leben 1.2 Millionen Einwohner – von denen kennt wahrscheinlich niemand einen Literaten, einen Journalisten oder eine Band aus Leipzig. Na und? Und von unseren Volksvertretern hat dort auch noch niemand etwas gehört. Und in Tokio auch nicht und in Minsk, im Valle Gran Rey und in Timbuktu …

Die Welt dreht sich auch ohne Leipzig problemlos weiter. Wir sollten uns einfach mal ein bisschen zurück lehnen und uns nicht so verdammt wichtig nehmen.

Ich wünsche mir für 2011 den Zusammenbruch aller politischen Systeme. Ich wünsche mir den Totalausfall aller Verkehrssysteme, die totale Entwertung aller Geldmittel. Ich wünsche mir das Zerreißen aller Handynetze und die Implosion aller TV-Apparate. Ich wünsche mir, dass mein Nachbar bei mir an der Tür klopft und mich fragt, ob ich mit ihm seinen selbstgemachten Wein trinken möchte. Weil wir soviel Lebenszeit haben, wenn wir nicht mehr müssen, was wir sowieso – bei genauerer Betrachtung – nicht müssen.

Ich wünsche mir für 2011 ein paar helle Bücher. Ein paar helle Ideen und weniger Fortschritt, etwas mehr Langsamkeit und etwas mehr Stille.

Ich träume von einem Sinn – und wenn es nicht gleich ein Sinn ist, dann wenigstens ein Unsinn. Ich träume von Überraschungen, die mein Herz springen lassen, die mich begeistert und freudig in die Hände klatschen lassen. Ich träume von Umarmungen und Küssen und Sand zwischen den Zehen und Vogelgezwitscher in den Lüften. Ich träume vom totalen Ende der Waffen, überall und in jedermanns Händen. Ich träume von einer Zukunft in Mitmenschlichkeit.

Und ich weiß, dass ich wieder aufwache und beim nächsten Gespräch mit irgendeinem Politiker den schlimmsten Satz, der je gedacht wurde, mittlerweile zum Millionsten Male höre. „Das haben wir schon immer so gemacht, das geht nicht so, wie Du Dir das vorstellst.

Und ich weiß, dass sie uns anlügen. Weil Sie Angst haben, dass wir uns unsere Träume nehmen und sie zu unserer Realität machen und damit ihre Realität stirbt.

Michy Reincke, ein Musiker, der mit seinen 51 Jahren mittlerweile so warmherzig menschlich ist, so stark und weise, sagte vor kurzem in einem Interview zu mir: „Verzweifelt sein & wütend, weil man raus gekriegt hat, dass es fundamentale Ungerechtigkeiten in der Welt gibt & dass vieles im Leben nicht fair ist – das kann jeder Idiot! Gut sein & glücklich, inspiriert & freundlich zu denen, die auch nichts dafür können & dazu Dinge tun, die Freude machen – das ist die hohe Schule! Das ist das was die Spreu vom Weizen trennt, das sind die Klugen, die lernen ohne davon gegen andere Vorteil zu nehmen, das sind die, die einen Nutzen schaffen aus Geist & Seele, die aus ihrer Traurigkeit weder ein Hobby noch ein Evangelium machen – das ist Kunst!“

Und das finde ich auf jeden Fall bedenkenswert!

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3 Antworten zu Wenn Leipziger träumen: Volly Tanner wünscht sich einen Totalausfall aller politischen Systeme

  1. tracktate schreibt:

    Volly hat einen Blog! Yuhu!

  2. Anna schreibt:

    Volly, Du berührst immer wieder… mein Herz tanzt. 🙂 Mehr davon… weiser nichthaarloser Mann.

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